Habiba auf Jamaa El Fna, „Verbotene Einsichten“

Seite 3 von 3: Schlangenbeschwörer

Sie hasste auch Schlangenbeschwörer

Jamaa ElFna Schlangenbeschwoerer (Foto: Eberhard hahne)

Habiba hasste bestimmte Gaukler und vermied es, in ihre Nähe zu kommen. Diese waren diejenigen, deren Hauptanliegen es war, so viel Geld wie möglich am Tage zu verdienen. Sie waren keine Künstler. Sie versuchten, ein exotisches, verrücktes, burleskes und groteskes Bild von sich und dem Land zu vermitteln. 

Sie hasste auch Schlangenbeschwörer, deren Reptilien, die - von ihrem Gift befreit- wie leblos auf dem Boden lagen. Sie täuschten damit Mut und Können vor. Sie erzürnten die Schlange mit ihrer lauten Musik von bizarren Instrumenten, bevor sie vorgaben, mit der Schlange zu kämpfen. Dann sah man wie plötzlich die Kobra ihren Kopf hob und bereit war, mit ihren angeblichen Giftzähnen Toxine in die Hand des Darstellers zu bohren … Es fühlte sich an, als würden wir Zeuge eines Selbstmordes werden. Der Schlangenbeschwörer, der wusste, womit er es zu tun hatte, blieb jedoch gelassen. Er neckte das Tier immer mehr, bis es an der Zeit war, es an Hals und Schwanz zu packen und es vor die Zuschauer zu legen. 

Einige Schlangen blieben den ganzen Tag über bewegungslos und zeigten keine Reaktion. Sie wurden wie ein Schal um den Hals von Touristen gewickelt, damit diese Fotos machten konnten, die ihre Furchtlosigkeit demonstrieren sollten. Mancher Zuschauer konnte diese Komödie nicht ertragen und hasste den Moment, in dem die Touristen sich von der Schlange befreien wollten, während der Schlangenbeschwörer sie mit seinem Tier wie am Galgenseil festhielt. Er ließ sie erst los, wenn er einen Geldschein bekam.

Schließlich verabscheute Habiba die Gnaouas, die den Schmerz ihrer Vorfahren zu einem beliebten Schauspiel machten, seitdem ein Professor sie über ihre Geschichte aufgeklärt hatte. Der Professor erklärte ihnen, dass ein saadischer Sultan Menschen aus Guinea nach Marokko gebracht hatte, um das Land zu bearbeiten. Als Sklaven lebten sie in einer Gemeinschaft und versammelten sich während ihrer Ruhezeit, um ihre Leiden zu besingen, was ihren Liedern die Form einer Klage, eines Schmerzenschreis gab. Habiba hasste diese Gnaouas, insbesondere die Weißen unter ihnen, weil sie sehr gut wusste, dass diese keine Nachfahren von Personen aus Guinea waren.

 

Habiba war noch nie mit einem Familienmitglied auf Jamaâ El Fana gewesen. Es kam für ihren Vater nicht in Frage, seine Nachkommen an diesen verderblichen Ort zu führen. Für ihn waren alle, die auf Jamma El Fna ihr Einkommen verdienten Faule, Prostituierte, Perverse und ähnliche Gestalten. Ganz zu schweigen von den Betrügern, die angebliche Wundermittel verkauften. Sie verkauften Salben, den Trank, der dem Mann seine Manneskraft zurückgeben sollte, die magische Tablette, die ihn um zehn Jahre verjüngen sollte, die Pille, die fast alle Krankheiten heilt, das Pulver, das die Zähne in zwei Tagen weiß macht, das Gras, das Körperteile schöner formt, … 

 

Auf Jamaa El Fna gab es viele fiktive Krankheiten, die nur den „Experten“ dort bekannt waren und von denen sie versprachen, die Menschen zu heilen, so zum Beispiel die „Morgens schwer aufstehen können -Krankheit“, verursacht durch „Boujârane Fi Rakba (Kakerlake im Knie)“. Es gäbe ein kakerlakenartiges Tier, das im Körper des Menschen lebte und solche oder ähnliche Krankheiten hervorrief.

 

Hier, auf Jamaa El Fna, flogen die Tauben nicht in den Himmel, um sich jeglicher menschlichen Präsenz zu entziehen, sie blieben bei „Moul Lahmam (dem Taubenmann)“. Die Affen rannten nicht vor Zweibeinern davon, um die Baumwipfel zu erklimmen. Sie schienen eher das Spiel unterhaltsam zu finden; Sie trugen ja auch Hosen und waren an einer Kette angebunden, wie domestizierte Tiere …

 

Siehe auch "Das Projekt Al Halqa" von Thomas Ladenburger zum Thema Jamaa El Fna.

 

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