Ist der Koran Poesie?

Ist der Koran Poesie? (Foto: abdullah arif Dxi6KbpvUgA unsplash.com)

In der islamischen Literatur können unzählige Erzählungen gefunden werden, die von der beeindruckenden Wirkung des Koran berichten. Für Muslime ist die Erfahrung der besonderen Schönheit ihrer Offenbarung von zentraler Bedeutung, weshalb im neunten Jahrhundert das Dogma ihrer „Unnachahmlichkeit“ und „Einzigartigkeit“ festgelegt wurde (Neuwirth, 1983, S. 170). Die Poetizität im Koran, also die Eigenschaft eine sinnliche Wahrnehmung bei seinen RezipientInnen hervorzubringen (Kermani, 2018, S. 98), kann eine ästhetische Erfahrung bewirken, bei der alle Sinne stimuliert werden (Karimi, 2015, S. 13). Der Linguist, Philologe und Semiotiker Roman Ossipowitsch Jakobson (1896-1982) gibt an, dass unter Poesie ein Werk zu verstehen sei bei dem die Poetizität überwiegt (Jakobson, 1970, S. 20). Im Anschluss an eine derartige Definition liegt die im Folgenden behandelte Frage nicht weit, ob die koranische Offenbarung somit als Poesie zu bezeichnen ist.

Der Umstand, dass die Sprache des Koran nicht der Alltagssprache entspricht, besteht bereits zu Lebzeiten des Propheten (saw). Die verwendete Sprache ist eine altarabische Dichtersprache (ʿarabīya), die lediglich für literarische oder zeremonielle Zwecke gebraucht wurde. Der Orientalist Navid Kermani (1967) schreibt, dass sich allein aus dieser Besonderheit die Konsequenz ergibt, dass das Interesse der Hörerinnen erweckt wird. Die Sprache des Koran grenzt sich durch die Komplexität ihrer Struktur von der Alltagssprache ab - beispielsweise durch ihre Strophik und Rhythmik, ihrer Wiederholungen und Metaphern (Kermani, 2018, S. 104f.).

Die Fragestellung, ob der Koran Poesie sei, kann laut Kermani aus theologischer Sicht negiert werden. Nach den Merkmalen der klassisch-arabischen Literaturtheorie enthielte der Koran zwar poetische Elemente, sei aber stilistisch als auch thematisch nicht zum sogenannten šiʿr-Genre zuzuordnen, da sein Metrum und die Motive nicht denen der altarabischen Poesie entsprächen. Außerdem sei der Koran brillanter als die Poesie. Kermani unterstreicht sein Urteil, indem er anführt, dass die Offenbarung selbst pointiere, dass sie von den geläufigen Gattungen verschieden ist:

„Dies das Wort eines Gesandten, eines edelmütigen! Und nicht das Werk eines Dichters“ [69:40f.] (Der Koran, übersetzt von Karimi).

Gleichwohl müsse aus der Tatsache, dass der Koran den Begriff der Poesie übertreffe, gefolgert werden, dass es eine Gemeinsamkeit zwischen beiden gebe, denn um etwas zu übertreffen, könne es nicht vollkommen verschieden von dem sein, was es übertrifft (Kermani, 2018, S. 106). Außerdem macht Kermani darauf aufmerksam, dass der Koran Poeten inspiriert hätte Werke zu erschaffen, die von der bisherigen Norm abweichen, denn für die Lebenskraft eines Werkes sei nicht nur essenziell, dass es etwas hervorbringt, was bisher unbekannt gewesen ist und seine Leserinnen/Zuhörerinnen fasziniert (in so einem Fall sei seine ästhetische Wirkung mit dem Ende einer Epoche erloschen). Ausschlaggebend sei auch, wie der Literaturhistoriker Felix Vodička (1909-1974) schreibt: „Die Lebenskraft eines Werkes hängt davon ab, welche Eigenschaften es hinsichtlich der Entwicklung der literarischen Norm potentiell enthält.“ (1994, S. 81). In der Geschichte der Literatur sei festzustellen, dass nur die Werke nicht an Lebenskraft verloren, die dauerhaft zu einem Normwandel beigesteuerten hätten. Dementsprechend überbiete der Koran alle literarischen Werke der arabischen Kultur, denn dieser habe den eng gesteckten Rahmen der geläufigen Gattungen innerhalb der arabischen Dichtung zerbrochen und ihr neue Wege eröffnet (Kermani, 2018, S. 113-119). Beispielsweise wurde die im achten Jahrhundert entstehende Bewegung der „Modernen“ (muḥdaṭūn) innerhalb der arabischen Poesie durch die im Koran vorkommenden stilistischen Abweichungen von der bisherigen Norm der Poesie inspiriert (Heinrichs, 1969, S. 83-86).

Die Problematik der Koranübersetzungen

Anschließend an die oben dargestellte Meinung zu der literarischen Gattung des Koran kann die Frage aufgeworfen werden, inwiefern eine Übersetzung dessen „der Eigenschaft des Bewirkens einer ästhetischen Erfahrung“ gerecht werden kann. Der Religionsphilosoph und Islamwissenschaftler Ahmad Milad Karimi (1979) beschreibt die Problematik wie folgt: Wenn unter dem Begriff „Übersetzung“ die „ureigene Identität des Originaltextes“ (Karimi, 2011, S. 461) zu übersetzen verstanden werde, dann läge es „in der Natur der Originalität, dass sie nicht duplizierbar“ (Karimi, 2011, S. 461) sei. In der deutschen Sprache existierten einige Übersetzungen, die zwar den Inhalt der Offenbarung vermitteln, aber die Bedeutung der sprachlichen Dimension vollkommen außer Acht ließen. So würden beispielsweise Merkmale der Rezitationslehre wie Klang, Melodie und Wiederholungen in den Übersetzungen gänzlich übergangen (Karimi, 2011, S. 463). Eine Übersetzung solle aus „der poetischen Atmosphäre“ (Karimi, 2011, S. 463) des Textes hervorgebracht werden, denn der Koran sei als Ganzes eine „rhythmische Stimme voller Klang und Musikalität“ (Karimi, 2011, S. 464). Ein ästhetischer Moment also, der durch die Erfahrung des Poetischen hervorgerufen und bei dem alle Sinne stimuliert würden (Karimi, 2015, S. 13).

 

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Quellen:

  • Heinrichs, Wolfhart (1969): Arabische Dichtung und die griechische Poetik. Ḥāzim al-Qarṭāğannīs Grundlegung der Poetik mit Hilfe Aristotelischer Begriffe, Beirut.
  • Jakobson, Roman (1970): Poesie und Sprachstruktur. Zwei Grundsatzerklärungen, Zürich.
  • Karimi, Ahmad Milad (2011): „Der Koran – Gottespoesie oder Menschenwort?“, in: Brague, Rémi/ Bürkle, Horst/ Gerl-Falkovitz, Hanna-Barbara (u.a.), (Hrsg.): Internationale Katholische Zeitschrift „Communio“. Ostfildern, Heft 5, S. 457-465.
  • Karimi, Ahmad Milad (2015): Die Blumen des Koran oder: Gottes Poesie. Ein Lesebuch, Freiburg im Breisgrau.
  • Kermani, Navid (2018): Gott ist schön. Das ästhetische Erleben des Koran, München.
  • Der Koran – القرآن
  • Der Koran (2014): Vollständig und neu übersetzt von Ahmad Milad Karimi, mit einer Einführung und hrsg. Bernhard Uhde, Freiburg im Breisgrau.
  • Neuwirth, Angelika (1983): Das islamische Dogma der „Unnachahmlichkeit des Korans“ in literaturwissenschaftlicher Sicht, in: Noth, Albrecht/Spuler, Bertold (Hrsg.): Der Islam. Zeitschrift für Geschichte und Kultur des islamischen Orients. Band 60, Berlin/New York, S. 166-183.
  • Vodička, Felix V. (1994): Die Rezeptionsgeschichte literarischer Werke, in: Warning, Rainer (Hrsg.): Rezeptionsästhetik. Theorie und Praxis, München, S. 71-83.

 


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