Al-Fatiha-Ehe

Eine Ehe, die nur auf „Al Fatiha“ beruht, kann den Kindern ihre Grundrechte auf den Namen ihres Vaters (in das Personenstandsregister eingetragen zu werden) rauben. So bestimmte die Verfassung von 2011 in ihrem Artikel 32, dass die auf dem rechtlichen Bund der Ehe beruhende Familiengründung die Grundeinheit der Gesellschaft ist, aber der Staat dennoch allen Kindern den gleichen rechtlichen Schutz und die gleiche soziale und moralische Achtung gewährleistet.

Artikel 16 des Familiengesetzbuches und Al-Fatiha-Ehe (Eröffnungssure des Korans)

Al-Fatiha-Ehe, Polygamie und der Verheiratung Minderjähriger, Foto: Eberhard Hahne

Al-Fatiha-Ehe wird allein dadurch geschlossen, dass man den Bund der Ehe anbietet und annimmt und die Sure "Al Fatiha" liest. Al-Fatiha besteht aus sieben Versen und ist die erste Sure des Korans.

Das Familiengesetzbuch ist kein Gesetz, das ausschließlich für Frauen erlassen wurde, sondern vielmehr eine Grundlage für Paare und Kinder, um deren Schutz und Rechte zu gewährleisten.

Dieser Rechtsschutz kann manchmal durch Artikel 16 gewährt werden, der in Übereinstimmung mit der Verfassung bestimmt, dass die Heiratsurkunde ein gültiger Beweis für die Ehe ist. Stehen aber zwingende Gründe der rechtzeitigen Ausstellung der Heiratsurkunde entgegen, lässt das Gericht in einem Antrag auf Anerkennung einer Ehe alle Beweismittel und Beweise der Sachverständigen zu. Das Gericht berücksichtigt vor allem die Existenz von Kindern oder  eine Schwangerschaft, so dass der Fokus des Gesetzgebers vorrangig auf den Schutz des Kindes gerichtet ist.

Die Fatiha-Ehe existiert und besteht in mehreren Regionen des Königreichs, sowohl in ländlichen Gebieten als auch in Großstädten und in vielen muslimischen Ländern, weil sie eine einfache Lösung darstellt, vor allem für den Mann, um nicht bestimmten Verpflichtungen zu unterliegen, die sich aus einem Heiratsdokument ergeben: Unterhaltszahlungen, Sorgerecht, Wohnungskosten, der Frau zustehende Rechte, Unterhaltszahlungen der AL-Idda (العدة Frist nach der Scheidung der Eheleute oder nach dem Tod des Ehemannes: Um Konflikte der väterlichen Abstammung in Bezug auf die Kinder zu vermeiden, welche möglicherweise in der Zeit der Scheidung der Eheleute oder in der Zeit vor dem Tod des Ehemannes gezeugt wurden, hatte das Gesetz eine Frist festgelegt, während der die Mutter keine neue Ehe schließen soll) und die Mutʿa-Ehe (المتعة).

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass in einigen arabisch-muslimischen Ländern das Angebot, die Annahme und das Lesen der Verse der „Al-Fatiha“, gefolgt von einem entsprechenden Abendessen, das ein gemeinsames Leben auf religiöser Ebene ermöglicht, gelebte Tradition darstellt.

Obwohl das Strafgesetzbuch in seinem Artikel 490 jede sexuelle Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau bestraft, die nicht verheiratet sind, stellt es der Entwurf des neuen Strafgesetzbuches nicht unter Strafe. Zitat: „Es handle sich hierbei um eine durch die Scharia nichtanerkannte sexuelle Beziehung“ (علاقة جنسية غير شرعية).

Die Fatiha-Ehe ist eine einfache Lösung, die hin und wieder in ländlichen Gebieten angewendet wird, nicht zuletzt wegen der Abgeschiedenheit einiger Binnenstämme und der umständlichen Verwaltungsformalitäten. Manchmal wird aber auf diese Ehe als erster Schritt und auf die Anerkennung der Ehe nach Artikel 16 als zweiter Schritt zurückgegriffen, um Artikel 19 des Familiengesetzbuches, der das Heiratsalter festlegt, oder um die Artikel 40 bis 46, bezüglich der Polygamie, zu umgehen.

In diesem Sinne haben die Aufrufe der feministischen Vereinigungen keinen Erfolg gehabt, es ist sehr schwierig, den Gemütszustand und die Gewohnheiten zu ändern, die vor allem in einem Marokko der zwei Geschwindigkeiten verwurzelt sind, wo Armut, Analphabetismus, Abgeschiedenheit und Isolation einiger Dörfer existieren, wo alle Zeichen des Mittelalters noch vorhanden sind. Hier beispielsweise hat der Vater das Recht, seine elf-jährige Tochter einem alten Mann zu geben, um die Versorgung der Familie zu sichern!

Dies führt zu der Konsequenz, dass es zunächst notwendig ist, die Lebensqualität zu verbessern und darauf hinzuarbeiten, Artikel 31 der Verfassung Realität werden zu lassen, der darauf abzielt, alle Mittel zu mobilisieren, um  allen Bürgern den gleichberechtigten Zugang zu den sozialen Bedingungen zu erleichtern, die ihnen Schutz, angemessenen Wohnraum, moderne allgemeine und berufliche Bildung, Arbeit, Chancengleichheit, eine gesunde Umwelt, etc. zu ermöglichen.

Fortsetzung folgt!

Mehr über Salima Faraji erfahren Sie hier

Siehe auch den Artikel über das deutsche und das marokkanische Familienrecht

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