Exil, mehr als nur Heimat

Als Student war mir alles egal. Wir genossen unser glückliches revolutionäres Leben in vollen Zügen. Wir hatten eine gute Zeit, Demonstrationen zu organisieren, um die Regierung und das Regime zu beleidigen und mit der Überzeugung eines Predigers den angeblich unvermeidlichen Wandel anzukündigen. Nach jahrelangem Geschrei habe ich nicht die geringsten Anzeichen der geforderten Veränderungen gesehen.

Ich bin weder verbannt noch emigriert

Das Exil, mehr als Heimat, Foto: camila-damasio-DaNxq1JLuAg-unsplash.com

Ich hätte meinen Kugelschreiber benutzen können, um Trauer auszudrücken, wie es sich für einen Emigranten gehört. Ich hätte von Exil und Nostalgie sprechen können, um die Sympathie der abgebrühtesten Herzen zu gewinnen. Aber ich spiele nicht gerne das Opfer, zumal meine Geschichte nicht so kompliziert ist. Ich bin weder verbannt noch emigriert oder irgendetwas davon. Nach zwei Jahren Arbeitslosigkeit musste ich mir anders helfen. Zwei Jahre Arbeitslosigkeit und Not hatten ausgereicht, um die vielen Gewissheiten zu überdenken: meine Vergangenheit als überzeugter Linker, meine revolutionären Träume und die feurigen Parolen, die nicht imstande waren, auch nur das kleinste Strohfeuer zu entzünden. Darüber hinaus bedeutete ein Abschluss in Wirtschaftswissenschaften nichts in einem Land, dessen Wirtschaft so zusammengebrochen war wie die Moral seiner Bürger.

Als Student war mir alles egal. Wir genossen unser glückliches revolutionäres Leben in vollen Zügen. Wir hatten eine gute Zeit, Demonstrationen zu organisieren, um die Regierung und das Regime zu beleidigen und mit der Überzeugung eines Predigers den angeblich unvermeidlichen Wandel anzukündigen. Nach jahrelangem Geschrei habe ich nicht die geringsten Anzeichen der geforderten Veränderungen gesehen. Wir konnten weder das Regime noch das „Chaos“ ändern, das heute in unserem schönen Land perfekt geregelt ist. Im Gegenteil, nach Dutzenden von Vorstellungsgesprächen und Wettbewerben, die ich durchlaufen musste, um irgendwo einen Job zu finden, stellte ich fest, dass ich nicht einmal meine eigene Situation ändern konnte.

Deshalb habe ich, da es mir nicht gelang, die Situation zu ändern, mit der mir verbliebenen Selbstachtung beschlossen, das Land zu verlassen! In diesem Sinne ist Brüssel ein Zufluchtsort und kein Exil.

Französische Francs und spanische Pesetas

Im Schiff habe ich hundert französische Francs gegen eine Handvoll spanische Pesetas eingetauscht Als wir in Algeciras ankamen, wurden wir von eleganten Trägern umringt. Sie zogen kleine Karren, die auf unsere schweren Koffer warteten. Ich habe einem jungen Spanier signalisiert, sich um mein Gepäck zu kümmern. Er war so elegant wie ein Filmschauspieler. Und ich folgte ihm stolz wie ein Emporkömmling. Als wir vor dem Bus ankamen, sprach er mich in kastilischer Sprache an, die ich nicht verstand. Aber in diesem Zusammenhang hatte ich seine Absicht erraten: Ich öffnete meine Hand und ließ ihn nehmen, was ihm zustand, während ich an Al Moutanabi dachte: "Aber ein Fremder ist der junge Araber/ durch sein Gesicht, seine Hand und seine Zunge […]“. Meine Gedanken über Fremdheit und Gedichte musste ich abrupt beenden, denn mit der Entschlossenheit von Eroberern drängelte sich der Strom der Auswanderer aus dem Schiff vor dem Bus. Ich wandte mich sofort von Al Moutanabi ab und tat es ihnen nach.

Das heilige Recht!

Stunden später kamen wir in Frankreich an. Hier war ich weniger fremd, da ich die ja Sprache beherrsche! Am Bahnhof Bagnolet untersuchten meine Reisebegleiter ihr Gepäck, als ob sie sich versichern wollten, dass nichts fehlt. Schließlich verschwanden sie in der Menge der Reisenden. Ich hatte sie genau beobachtet, insbesondere ihre Gesichtszüge, Körperhaltung und Akzente. Ich fragte mich, was diese Menschen, überwiegend dunkelhäutig, wohl hier machten. Einer unserer Dichter antwortete, indem er der Generation von Gilles Deleuze dankte. "Mein Französisch hat mir nicht einmal geholfen, Brot zu kaufen. Lange Zeit schämte ich mich wegen meiner Unwissenheit. Migration ist ein heiliges Recht (Menschenrecht) […]. Ich persönlich wusste bis zur Auswanderung nicht, dass es ein heiliges Recht gibt. Und selbst von Gilles Deleuze wusste ich nichts anderes als seinen tragischen Selbstmord, mit dem er sein Recht einforderte, ins Jenseits zu emigrieren, nachdem er lange Zeit unter Krankheit und Atembeschwerden gelitten hatte. Ich bin ausgewandert, einfach weil ich kein Baum war... Und statt Wurzeln habe ich Füße, die ich schnell im Wind bewegen kann.

Ist das Wort "Exil" in seiner mythischen Dimension überholt?

Meiner Meinung nach ist der Begriff des Exils in seiner mythischen, von Nostalgie umhüllten Dimension überholt. Es ist mit einer vergangenen Ära und einer obsolet gewordenen Situation verbunden. Wenn wir Al Moutanabis Vers "Was die, die ich liebe, jenseits der Wüsten sind" lesen, können wir die ganze Leidenschaft der Nostalgie messen, den Schmerz der Distanz und die Angst vor der Trennung spüren. Wüsten verweisen auf den Durst, die Verwirrung und den Schmerz des Reisens. Heute gibt es solche Wüsten jedoch nicht mehr, und die, die wir lieben, sind nur wenige Flugstunden entfernt, und das zu manchmal lächerlich niedrigen Preisen. 

Vor etwas mehr als einem Jahrzehnt existierte das Exil noch. Damals musste der Exilant lange warten, bis ihn eine Zeitung mit Nachrichten aus der Heimat, zensiert natürlich, erreicht hatte. Doch von welcher Art von Exil sprechen wir heute im Zeitalter von Mobiltelefonen, Satelliten und Internet?

Und trotz meines Mitgefühls für diejenigen, die durch die Behörden einer ausländischen Besatzung oder durch die Repression und Unterdrückung durch die eigenen Machtstrukturen ins Exil gezwungen wurden, wählte die Mehrheit derer, die in meiner Generation in Versuchung gerieten, auszuwandern. Sie haben sich bewusst für dieses komfortable Exil entschieden. Einige haben es sehr bedauert, da sie nicht über die nötigen Argumente und Beweise verfügten, als Verfolgter bezeichnet zu werden, um den politischen Flüchtlingsstatus beanspruchen zu können.

Jassin Adnan schreib einmal: "Hätte die Staatssicherheit in meinen Meinungen, die ich im Übrigen nie geäußert habe, eine Bedrohung erkannt, würde ich mich heute mit dem Rang eines Ex-Sträflings „schmücken“ und würde genug Aufmerksamkeit auf mich ziehen, gleich zu welchem Thema ich mich äußere. … und man hätte mir vielleicht in einer der europäischen Hauptstädte, Paris zum Beispiel, das Recht auf Asyl zugestanden. […].

Ich hatte das Glück, das Land ohne grobe Anschuldigungen verlassen zu haben, die dazu geführt hätten, dass Freunde - und sogar Feinde - mich mit Vergnügen verunglimpft hätten. Ich kam zum Studium nach Belgien. Und wie man weiß, ist der Erwerb von Wissen, selbst wenn es in China ist, eine religiöse Verpflichtung eines jeden Moslems. Glücklicherweise ist Belgien viel näher als China! Außerdem spricht die Hälfte der Einwohner meine geliebte Sprache Französisch. Ohne diese schöne Sprache wäre es für mich sehr schwer geworden, mein Land zu verlassen, um in dieses flache Land zu kommen und hier zu studieren.

Das Studium

Hier waren wir entschlossen und wachsam wie ein unbewaffnetes Regiment in einem verlorenen Krieg. Es war der Lehrstoff, der uns verfolgte und nicht umgekehrt. Pflichtfächer und Prüfungen jagten uns, und wir waren gezwungen, sie zu absolvieren, um unsere Aufenthaltsgenehmigung zu verlängern. Und wir taten dies ohne zu klagen, denn wir hatten Freunde, die kaum wagten, einen Fuß über die Schwelle der Wohnung zu setzen, da sie illegal hier lebten. Sie lebten jedoch weiterhin ihren Traum. … Diese "Harragas (Wort bedeutet „durchbrennen“ und meint in dem Zusammenhang: Das Land illegal verlassen)“ sind die Exilanten unserer Zeit par excellence.

Tarek Ibn Ziyad mund die "Todesboote"

Wir lernen in der Geschichte, dass nachdem Tarek Ibn Ziyad (Eroberer des Westgotenreiches 711) zum ersten Mal das Meer in Richtung Andalusien überquert hatte, alle seine Schiffe in Brand setzen ließ, um den Willen seiner Soldaten zu stärken und dem Gegner zu signalisieren, dass für seine Soldaten Leben und Tod gleichwertig sind.

Heute verbrennen manche Flüchtlinge ihre Pässe, sobald sie ihre Heimat in Richtung Europa verlassen, damit ihre Identität für die Behörden und für eine mögliche Rückführung erschwert wird. Sie aber sind sich über nichts sicher. Bereits die Namen der Boote, die sie besteigen, verraten nichts Gutes über das Schicksal dieser Menschen. Mein Freund Larbi, ein "Harrag (Flüchtling)", weigert sich, diese "Todesboote" zu benennen, denn „das sind Boote des Lebens, die uns vom langsamen Tod, den wir dort erleiden mussten, retten.“ Ihre erste Aktion ist deshalb das Verbrennen ihrer Pässe, um ihre Asche als Opfergabe an das Mittelmeer zu übergeben in der Hoffnung, dass sie das Paradies ihrer Träume rasch erreichen.

Im Rachid Ninis „Tagebuch eines illegalen Einwanderers" heißt es: "Jetzt verstehe ich, warum Einwanderer ihre Pässe verbrennen, wenn sie die Lichter Andalusiens sehen und sie ins Meer werfen. Sie tun dies, damit keiner von ihnen lebend an das andere Ufer zurückkehrt. Tod oder Triumph. Seinen Pass zu verbrennen ist nicht viel anders als seine Boote zu verbrennen. Es scheint, dass sich die Geschichte im Laufe der Jahrhunderte auf dramatische Weise wiederholt. …

Fortsetzung folgt!

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