Hochgekrempelte Ärmel bestimmen zurzeit das Stadtbild. "In weniger als drei Jahren, wenn die Arbeiten zur Verbesserung und zur Verschönerung Tangers abgeschlossen sind, wird eine völlig neue Stadt geboren sein", verkündete Regional-Gouverneur Mohamed Hassad Anfang des Jahres.

Wie lange nicht mehr beflügeln Rekord-Investitionen und Mammut-Projekte die marokkanische Metropole zwischen den Ozeanen - nachdem sie jahrzehntelang verwahrlost war. Dass der große Durchbruch nahe ist, bezweifelt kaum noch jemand.

Mit Tangers Seele hat dies allerdings wenig zu tun: Die Wahrheit der weißen Stadt liegt jenseits ihres gigantischen Faceliftings - tief verwurzelt in den Gegensätzen seiner Bewohner und seinem 3000 Jahre alten Rätsel.

Auf den ersten Blick besteht Tanger aus Baustellen: Seit Anfang des vergangenen Jahres wird auf insgesamt 17.000 Quadratmetern gebohrt, gegraben und gehämmert. Die 90 Millionen Euro teure Erneuerungsoffensive soll die Stadt fuer den bald erhofften Touristen-Boom zurechtschminken.

Auch das wichtigste Projekt Marokkos befindet sich hier: Der Großhafen Tanger Méditerranée. Für mehr als vier Milliarden Euro entsteht bis Ende 2007 einer der größten Häfen im Mittelmeer. Übrigens eine Idee des Koenigs höchtpersönlich. Der hatte vor acht Jahren Tangers Wende eingeleitet. 1999 hatte Mohamed VI., vom Volk kurz "M6" genannt, den Thron seines Vaters bestiegen und damit begonnen, das Koenigreich von Grund auf zu modernisieren. Für seinen "Plan Azur", der ab dem Jahre 2010 zehn Millionen Touristen jährlich in Marokko vorsieht, hat der Monarch Tanger eine der Hauptrollen zugedacht.

Auf dieses Comeback hatte die in die Jahre gekommene Diva lange gewartet. In ihrer glorreichen Zeit als internationale Zone war Tanger Marokkos Star - und Lebensmittelpunkt für Außenseiter aus aller Welt: Spione aus dem Zweiten Weltkrieg, Kriminelle, denen daheim Gefängnis drohte, tummelten sich hier ebenso wie verfolgte Juden und Franco-Gegener, Beat-Poeten und Zivilisationsmüde aus Europa und den USA. Zwischen 1923 und 1956, als die Stadt unter der Verwaltung von acht Staaten stand, wuchs aus einem Lebensexperiment ein Mythos. Die Liste bekannter Autoren, Maler und Musiker, die Tangers liberalem Charme erlagen, ist lang: Tennessee Williams, Truman Capote, Francis Bacon, Samuel Beckett, Jean Genet, Roland Barthes - und vor allem Tanger-Ikone Paul Bowles.

Nach einem halben Jahrhundert sind die Sehnsüchtigen nun wieder da. Wie damals strömen sie aus allen Herren Ländern herbei. Einziger Unterschied: Statt weiter Hosen und T-Shirts tragen die Glücksritter heute dunkle Maßanzüge. Anstelle der Bleistifte, die früher Gedichte schrieben, kalkulieren heute Laptops Kosten und Nutzen der Großprojekte. Und davon gibt es beinahe täglich neue. Die Corniche, Tangers Strandpromenade, ist kaum wieder zu erkennen: Nachdem dort alle illegalen Gebäude abgerissen wurden, die den Blick auf die See und Spanien verstellten, entsteht hier Hotel um Hotel. 24 Millionen Euro hat die Erneuerung dieses Abschnitts verschlungen. Fünf Millionen hat allein die Ausbesserung des fünf Kilometer langen Boulevard Mohamed VI gekostet. Seitdem säumen Edelrestaurants, ein Spielcasino, Discos und Marbellastyle-Beachclubs die neue Prachtmeile.

"Was für ein merkwürdiger Ort", fand schon der amerikanische Schriftsteller William S. Burroughs in der goldenen Zeit Tangers. Tangers Geheimnis zu ergründen haben viele vergeblich versucht. "Die Besonderheit von Tanger erschließt sich nicht auf Anhieb", sagt Florian Vetsch, Tanger-Experte und Autor des viel beachteten "Tanger Telegramm". "Sie zu entdecken braucht Zeit. Je mehr man über sie weiß, desto tiefer wird ihr Geheimnis." Und der tunesische Schriftsteller Hassouna Mosbahi schreibt resigniert: "Es gibt nicht nur ein Tanger. Tanger ist jeden Augenblick anders. Es gibt das Tanger der Reichen, der rastlosen Glücksritter der Begierden - und da ist das Tanger der Armen und der Verdammten. Es ist wandelbar wie eine Schauspielerin, die mehrere Rollen in der gleichen Szene spielt."

Heute wie damals gleicht die weiße Stadt einer Lotterie. Einem Casino, in dem Menschen viel gewinnen und alles verlieren können. Auf der einen Seite reiben sich Investoren aus Europa, den USA und dem Mittleren Osten in Erwartung guter Geschäfte die Hände, während sich betuchte Ausländer wie Yves Saint-Laurent und Felipe Gonzalez einen Wettlauf um die schönsten Zweitwohnsitze liefern - und die Immobilienpreise explodieren lassen.

Tanger bleibt aber auch die letzte Station auf dem Weg nach Europa. Tausende von Flüchtlingen, die den halben afrikanischen Kontinent durchquert haben, spielen "Alles oder Nichts". Misslingt die Flucht, bleibt nur das Warten auf den nächsten Versuch - bis das Geld beisammen ist. 3000 Euro verlangen die Schleuser für die Überfahrt. 8000 Euro, heißt es, kostet ein korrupter Beamter, der seinen Stempel auf ein legales Visum setzt. Nicht ohne Grund gilt Tanger vielen als die frustrierteste Stadt Marokkos.

Dennoch - seine Chance hat hier noch jeder bekommen. Araber, Perser, Juden, Franzosen, Spanier, Amerikaner haben sie hier gesucht - und im Stadtbild über die Jahre eine irrwitzige Mixtur der Kontraste hinterlassen: Französische, italienische, portugiesische und jüdische Kolonialbauten vereinigen sich hier, eine Stierkampfarena bezeugt die Anwesenheit spanischer Einwanderer, die Kirchen läuten im Gleichklang zum Rufen des Muezzin. Die Grenzen zwischen Europa und Afrika verwischen - hier in der Stadt der Fremden. Viele Generationen hat ihr tägliches Verwirrspiel auf den Strassen betört und sie in diesen zeitlosen Schwebezustand versetzt. Jeden Tag spult die Stadt ihre Evolution der letzten 500 Jahre im Zeitraffer ab. Biblische Gestalten, Bärtige in Dschellabas mit ihren streng vermummten Ehefrauen, treiben vorbei an Halbstarken in gefälschten Real Madrid - Trikots und Schönheiten im Minirock. Tanger-Hafen

Der Grand Socco im Herzen der Medina ist Endstation einer Zeitreise, die dem Zugereisten die Orientierung raubt und gleichzeitig seine Sinne schärft. Auch Truman Capote verführte Tangers Sinnlichkeit an diesem Märchenort: "Von den Bergen heruntergestiegene Berber mit Ziegenfellen und Körben hocken im Kreis unter den Bäumen und lauschen den Märchenerzählern, Flötenspielern und Zauberern; übervolle Stände brechen beinahe unter der Fülle von Blumen und Früchten; in der Luft hängen Haschischrauch und der Minzgeruch arabischen Tees; feurige Gewürze dörren in der Sonne."

Unterdessen sitzt die obere marokkanische Mittelschicht im Cafe de Paris am Place de la France. Während um sie herum die Verkehrshölle tobt, rühren Herrschaften mit Anzug und Krawatte stoisch in ihrem Minztee und lesen in der Zeitung die neusten Erfolgsmeldungen: Tanger ist auf dem Weg zu einem einer der wichtigsten Wirtschaftsstandorte Nordafrikas. Und: Für 2012 hat es sich als Austragungsort für die Weltausstellung beworben - mit guten Aussichten.

Wenn schließlich die Dunkelheit die sieben Hügel der Stadt verhüllt, die Krane und Bagger still stehen, ist es, als ob die Stimmen ihrer alten Verehrer in der Ferne zu flüstern beginnen. "Die Stadt schaltet magische kleine Lichter an", wispert etwa Jack Kerouac, "der Hügel der Kasbah summt, ich möchte draußen sein in diesen engen Medina-Gassen." Inzwischen haben Fortschritt und Wirtschaftswunder Tanger wieder zu seinem ewigen Ziel geführt: Endlich fühlt sich die rätselhafte Diva wieder begehrt, bewundert und geliebt.

Verfasst in 2008
Der Autor, Jörg Müller-Brandes, lebt als freier Journalist in Spanien. Neben lokalen Themen bildet Marokko einen wichtigen Schwerpunkt seiner Arbeit. Spezialgebiete: Tourismusentwicklung allgemein, Golf-Tourismus, städtische Entwicklung, alternative Energien, Gesellschaft zwischen Tradition und Moderne, Situation der Frauen.

 

   

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