Zugegeben, den Wunsch über die Berge des Hohen Atlas zu wandern hatten schon viele. Die Römer zum Beispiel, die dort das Dach der Welt vermuteten. Für die Araber war die Gebirgskette das Tor zur Sahara, während die französischen Kolonialisten eher eine Hürde darin sahen. Für die meisten zeitgenössischen Reisenden ist es nicht nur ein Abstecher in eine exotische Bergwelt, sondern auch die Zeitreise in einen Orient, den es in dieser Form nur mehr selten gibt. Die indigenen Berber, die sich selbst lieber als Imazighen oder auch Amazigh bezeichnen, leben seit mehr als 5.000 Jahren im Atlasgebirge, dessen Abgeschiedenheit ihnen half, sich ihren Lebensstil und ihre Traditionen größtenteils zu bewahren.

Jallah - auf geht’s!

Wer sich zu Mittag noch am Platz der Gehenkten in Marrakesch unter Händlern und Touristen tummelte, kann seinen Sundowner schon auf der herrlichen Dachterrasse der Kasbah du Toubkal mit Aussicht auf die schneebedeckten Gipfel des Atlasmassivs genießen. Nur 60 Kilometer oder 90 Minuten Autofahrt in Richtung Süden sind es von Marrakesch bis in das Berberdorf Imlil. Die kurvige Route führt durch Obstplantagen, grüne Wälder und Terrassenfelder, die sich an kleine Dörfer mit ockerfarbenen Lehmhäusern schmiegen. Nicht weit von Imlil – auf einer Bergkuppe 1.800 Meter über dem Meeresspiegel - thront die Kasbah du Toubkal. Um die Festung einzunehmen gilt es lediglich, den kurzen Anstieg zu bewältigen, sei es mit eigener Muskelkraft oder am Rücken eines Mulis, stets angetrieben von den Maultiertreibern: „Jallah, auf geht’s!“ Obwohl man kaum 15 Minuten geht, vermittelt der steinige Pfad durch Apfel- Kirschen- und Walnusshaine das Gefühl, die letzten Schritte einer langen Pilgerschaft hinter sich zu bringen. Als Belohnung lockt der Anblick der Kasbah vor der überwältigenden Kulisse des Mount Toubkal, der selbst extrovertierte Menschen wie mich sprachlos macht, wenn auch nur für einige Augenblicke. Danach kommen die „Ohs“ und „Ahs“ der Bewunderung umso flüssiger heraus.

Wohnen nach Berber Art

Empfangen wird man auf orientalische Weise mit Rosenwasser zum Erfrischen, dicken Sitzpolstern und „Berber Whisky, wie der grinsende Koch den süßen Minztee nennt. Die übliche Hotelstimmung kommt nicht auf, viel eher ist die Atmosphäre von der herzlichen Gastlichkeit der Berber geprägt. Wer nach geschniegeltem Fünfstern-Ambiente sucht, ist fehl am Platz. Alles an und in der Kasbah wurde nach traditionellem Vorbild gestaltet. Für die Einrichtung wurden ausschließlich einheimische Elemente verwendet, wie zum Beispiel von Hand gewobene Teppiche und prächtige Decken oder Holzschnitzereien. Die Zimmerausstattung ist ähnlich gemütlich, gewürzt mit ein paar Überraschungen wie einem i-pod Dock, einem CD-Player oder etwa handgemachten Lederpantoffeln. Nach Berber Art und ganz und gar haubenlos ist auch die Küche. Serviert werden einfache lokale Spezialitäten, Suppen, Salate oder etwa Couscous, zur Perfektion gekocht und immer mit einem strahlenden Lächeln serviert. Schon beim Frühstück duftet es nach frisch gebackenem Brot.

Trekking mit Stil

Um den Gästen interessante Tageswanderungen aber auch längere Trekkings zu ermöglichen, wurde vor kurzem eine Lodge im Bergdorf Ait Aissa im Azzaden Valley eröffnet. Obwohl im Stil einer Berber-Behausung erbaut, genießt man den Luxus, den man ansonsten bei Bergwanderungen vermisst. Eine mit Sonnenenergie gespeiste Bodenheizung, komfortable Betten und riesige Badewannen lassen die Entbehrungen eines langen Wandertages vergessen. Die Lodge bildet die Basis eines bis zu sechstägigen Trekking-Programms. Dabei steht den Wanderern von Anfang an ein englischsprachiger Bergführer zur Seite, der schon bei der Planung der perfekten Route seine langjährige Erfahrung einsetzt. Nicht schlecht staunen die Wanderer, wenn nach einem anstrengenden Aufstieg ein aufwändig gedeckter Mittagstisch auf einem Felsvorsprung auf sie wartet. „Just a picknick,“ meint der Guide, der sich wohl in britischer Untertreibung übt.

Zimmer mit Zweck

Die Kasbah und die Lodge werden von dem Marokkaner Omar Ait Barmed gemanagt, dem ersten Menschen, den Mike McHugo 1978 traf, als er durch das Imlil Tal streifte und der zu seinem Freund fürs Leben wurde. Hajj Maurice, wie Omar dank seiner Schilehrerkarriere in Frankreich und aufgrund einer Pilgerreise nach Mekka genannt wird, war auch daran schuld, dass Mike die alte Berberfestung überhaupt sah und sich in das verfallene Gebäude verliebte. Von Anfang an war das Ziel, an einer sanften Entwicklung des Tourismus in Marokko mitzuwirken und die Dorfbevölkerung voll in den Betrieb der Kasbah einzubinden. Keine Entscheidung wird ohne deren Zustimmung getroffen. Die Burg, einst von Arbeitern aus dem Dorf renoviert, ist auf diese Weise ein wichtiger Bestandteil des Dorflebens geworden. Von der Kasbah, die Hajj Maurice gemeinsam mit seiner Frau leitet, profitieren nicht nur rund 30 Mitarbeiter aus den umliegenden Dörfern sondern die ganze Gemeinschaft. Immerhin leben in den verschiedenen Teilen von Imlil 1.500 Menschen und im gesamten Tal rund 5.000, die meisten von ihnen sind Subexistenzbauern. Sozialprojekte wie der Bau von Schulheimen für Mädchen, tragen das erfolgreiche Entwicklungskonzept der Kasbah du Toubkal weit über die Ortsgrenzen von Imlil bis in die entlegenen Täler des Atlasgebirges. Im Rahmen der lokalen Nicht-Regierungs-Organisation „Education for All“ (Bildung für alle) setzen sich die Betreiber der Kasbah besonders für Schülerinnen ein, denn nur selten haben Mädchen aus den ländlichen Gebieten Marokkos Gelegenheit, ihre Ausbildung nach der Volksschule fortzusetzen. Da es nur wenige, weit verstreute Schulen gibt, müssen sie in der Nähe der Schule wohnen. Das können sich die meisten Eltern nicht leisten. Außerdem fürchten sie um die Sicherheit ihrer Töchter. Um dieses Problem zu lösen und den Kindern das Weiterlernen zu ermöglichen, baut und betreibt ‚Education for All’ Schülerinnenheime in der Region des Hohen Atlas. Das erste wurde im Mai 2008 in Asni, 45 km von Marrakesch, fertig gestellt und bietet Raum für 24 Mädchen. Das zweite ist ein Zuhause für zwölf Mädchen und eröffnete im Herbst 2009 in der Marktstadt Talaat-n-Yacoub, 100 km von Marrakesch. Die Kosten für Aufsicht, Bekleidung, Lebensmittel und die Schulmaterialien sowie die Hausmutter betragen 1.000 Euro pro Jahr und Schülerin. Außer für die Hausmutter entstehen keinerlei administrative Kosten, denn alle, die in diesem Projekt arbeiten, tun das auf freiwilliger Basis. Auf diese Weise fließen etwaige Spenden zu 100% in die Projekte.

Reisen mit Mehrwert

Es fühlt sich gut an neben Entspannung und Erholung, Abenteuer und gewollter körperlicher Herausforderung seinen Urlaubsreisen auch einen altruistischen Sinn zu geben. Deshalb ist es durchaus der Mühe wert, sich ein Reiseziel auszusuchen, das mit einem klugen sozialen Projekt oder einer Umweltschutz-Initiative verbunden ist. Im Fall der Kasbah du Toubkal zahlen die Gäste bewusst fünf Prozent auf den Übernachtungspreis für Projekte, die der lokalen Bevölkerung zugute kommen. Da das Konzept nicht auf Almosen, sondern auf Leistung aufbaut, wird das soziale Gefüge im Dorf durch den Fremdenverkehr eher gestärkt als gestört. Von der Tourismusabgabe sowie diversen Spenden konnten bisher zwei Rettungsautos mit Fahrer, eine dringend benötigte Müllentsorgungsanlage sowie das erste öffentliche Hammam (Dampfbad) ermöglicht werden. Zu den regelmäßigen Wohltätigkeitsveranstaltungen der McHugos zählen Radtouren, bei denen Mike für gutes Sponsorengeld schon mal auch von England bis nach Marokko radelt. Zudem wurde die Region dank der engen Zusammenarbeit mit den ansässigen Berbern als attraktiver Lebensraum erhalten. Die Besucher werden nicht nur willkommen „geheißen, sie sind es wirklich. Die Atmosphäre ist respektvoll und familiär zugleich und die Begegnungen mit den Einheimischen gehen weit über normale Höflichkeit hinaus. Ein gutes Gefühl eben.

Autorin
Susanna Hagen
http://www.respontour.info

Panorama mit Kasbah: Der Anblick, der viele hierher zieht, "Kasbah du Toubkal"
Händler: Früchte und andere Leckereien der Region
Kaminzimmer: Lokales Handwerk bestimmt das Innere der Kasbah du Toubkal
Roof Terrace: Aussicht von der Dachterrasse der Kasbah du Toubkal
Hauswand vor Bergkulisse, die Mountain Lodge im Azzaden Valley
Berber und Europäer vor Bergkulisse, Entdecker Hadj Maurice und Mike McHugo
Zur fünf Stunden entfernten Mountain Lodge sind Mulis unentbehrlich!

 

   

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