knapp 22 Jahre jung, betrat ich zum ersten Mal marokkanischen Boden. Unterwegs war ich mit meinem jetzigen Mann Klaus Därr (damals noch nicht verheiratet) und dessen Bruder Wolfgang in einem alten Mercedes Benz, den wir günstig über eine öffentliche Ausschreibung erworben hatten. Es war ein ehemaliger Krankenwagen mit einem kleinen Kofferaufbau in dem wir zur Not auch zu dritt einigermaßen gut ausgestreckt schlafen konnten.

Für mich war es die erste Reise außerhalb Europas, während Klaus bereits mit Freunden in einem alten Peugeot im Vorjahr in die algerische Sahara gefahren ist und so die ersten Nordafrika-Erfahrungen sammeln konnte, während Wolfgang bereits per Rucksack in Südostasien unterwegs war. Abgesehen von einigen kurzen Reisen in Frankreich und Benelux sowie einem Campingaufenthalt in Kroatien, war ich ziemlich unbedarft was das Reisen betraf.

So war ich bereits auf dem langen Anfahrtsweg durch Spanien einigermaßen gestresst, denn die Männer hatten keine Lust viel Zeit zu verschenken und so wurde im fliegenden Fahrerwechsel durchgefahren und geschlafen wurde abwechslungsweise während der Fahrt.

Die Überfahrt nach Melilla mit der Fähre war so eine willkommene Verschnaufpause und auch der anschließende Tag am Strand bei Nador, wo es damals noch jede Menge freie Plätze zum campen gab. Für mich war alles neu, die Menschen exotisch, befremdlich die arabische Kleiderordnung sowie die Blicke der Männer auf eine blonde junge Frau in kurzen Kleidern oder Hosen. Ich hatte mir damals wenig Gedanken über arabische Sitten gemacht und ich denke ich bin oftmals in ein Fettnäpfchen getreten. Französisch konnte ich gar nicht und so war ich beim Einkaufen voll auf die Schulfranzösisch-Kenntnisse meiner zwei Begleiter angewiesen. Auf den Souks der Städte und Dörfer kam ich mir ziemlich fehl am Platz vor, aber die Distanz zu meiner Umgebung und die Angst vor dem Unbekannten wich bald einer herzlichen Zuneigung aufgrund der arabischen Gastfreundschaft die wir so oft erleben durften.

In der zweiten Nacht suchten wir uns ein Schlafplätzchen bei Guercif und fanden weder eine geeignete Wiese noch einen Parkplatz wo wir ungestört campen konnten. Als wir dann bereits bei Dunkelheit ein verlassenes Haus mit freier Zufahrt entdeckten, neben dem es eine betonierte Terrasse gab, legten wir dort unsere Matratzen aus und schliefen schnell ein.

Überrascht wachten wir dann morgens auf als ein Mann mittleren Alters in weiten Hosen und einem abgeschabten Sakko neben uns stand und auf uns einredete und ein Tablett mit duftendem Minztee in der Hand hielt. Es war der Lehrer und wir schliefen auf dem Vorplatz der Schule. Am Sonntag gab es keinen Unterricht, aber der Lehrer der gleich in der Nähe wohnte, brachte uns zum Frühstück Tee und Fladenbrot. Wir durften gleich noch seine Familie in dem einfachen weiß gekalkten ebenerdigen Haus besuchen und erfuhren zum ersten Mal welcher Herzlichkeit die einfache Landbevölkerung fähig war.

Noch Dutzende Male wurden wir eingeladen. So blieb uns auch die Gastfreundschaft bei einem einfachen Amethystverkäufer im Hohen Atlas in Erinnerung, der nur einen Raum zur Verfügung hatte in dem die Fliegen schwirrten und der uns ein in Fett schwimmendes Couscous ohne Fleisch und mit kaum Gemüse vorsetzte, das einzige was er sich leisten konnte und auch noch dazu eine Cola auftrieb – was uns beschämte weil wir uns nicht revanchieren konnten, außer über den Kauf einiger Steine. Oder beim Präfekten von Agdz, in einem komfortablen Landhaus mit Oasengarten; er war interessiert unser Auto zu kaufen. Unvergessen blieb uns aber der Aufenthalt in den Bergen bei Taza, wo wir herzlichst in den Kreis junger Studenten und Schüler aufgenommen wurden die dort einen Workcamp absolvierten und einige Gebäude wieder in Stand setzten, die dort als einfache Quartiere für Jugendliche dienten – eine Art Jugendherberge. Wir waren sofort integriert, bekamen die schöne Höhlenlandschaft der Umgehung zu sehen, erfuhren einiges über die strengen Sitten und halfen natürlich kräftig mit. Zwei junge Mädchen zeigten sich erstaunlich frei und offen und eine kleidete sich sogar in Shorts und ärmellosen T-Shirts, was selbst jetzt noch so gut wie tabu ist. Die zweite erzählte uns, dass dieser Aufenthalt wohl das letzte Stück Freiheit sei, bevor sie in sechs Wochen heiraten müsse - eine von den Eltern arrangierte Ehe. Sie hatte ihren künftigen Ehemann nur ein einziges Mal gesehen. Inzwischen begleitete uns noch ein junger Holländer, den wir als Tramper aufgelesen hatten. So war ich nicht nur fremd unter Fremden, sondern auch unter lauter jungen Männern, die natürlich wie oft üblich den Tageslauf vorgaben.

Als wir dann mitten im Hohen Atlas an einem Bergsee von Nomaden in ihre „schwarze Khaima“ eingeladen und dort nach einem typischen Nomadenmahl mit Zicklein-Kebab aufgefordert wurden gleich dort die Nacht zu verbringen, war das für die Männer selbstverständlich die Einladung anzunehmen und ich wurde überstimmt. Mir war ziemlich Angst davor zwischen einer Nomadengroßfamilie, Ziegen, Schafen, Hühnern und Hunden auf Teppichen zu schlafen die unter und über uns ausgebreitet wurden und der Staub beim Ausbreiten bereits den Hustenreiz in mir weckte. Die Verständigung mit den Nomaden erfolgte ohnehin nur in Zeichensprache und französisch-berberischem Kauderwelsch. Bereits um fünf Uhr morgens weckte uns das Bellen und die rege Geschäftigkeit der Nomaden die sich darauf vorbereiteten demnächst ihre Schaf- und Ziegenherden zum Weiden zu treiben. Am Zeltpfosten neben uns war ein Zicklein angebunden und hatte sich etwas verheddert so dass es sich dann kurzerhand auf den Teppich niederließ unter dem Wolfgang schlief. Das wäre nicht weiter tragisch gewesen, aber es war natürlich nicht stubenrein und so entleerte es seine Blase direkt über dem Schläfer. Gut dass der Teppich dick und solide geknüpft war, so drang wenig von der Brühe durch, der Duft war aber doch nicht wegzureden. Schlaftrunken, aber um ein unvergessliches Erlebnis reicher verabschiedeten wir uns nach einem Frühstück mit frischem Fladenbrot und Minztee von den freundlichen Gastgebern.

Die drei Wochen quer durchs Land, damals noch auf vielen ungeteerten Pisten bis hinunter nach Merzouga zum Dayet Sri – der damals zufällig Wasser führte – waren abwechslungsreich, faszinierend und verstörend zugleich aufgrund der ärmlichen Verhältnisse im Atlas. Wir begegneten hoch bepackten Eseln aber auch schwer beladenen Frauen und jungen Mädchen die riesige Holzbündel oder Wasser auf dem Rücken trugen, um es nach Haus in die am Berghängen klebenden Lehmhütten zu schleppen. Ein Wasseranschluss oder Brunnen in den Dörfern gab es oft gar nicht, von Strom ganz zu schweigen, Gekocht wurde auf Holz, Solar- oder Gaskocher waren in den Berg- und Wüstentälern noch unbekannt.

Merzouga, das Dorf am Rand des Erg Chebbi, in dem nun Dutzende von Hotels stehen und auch das Internet nicht mehr wegzudenken ist, hatte damals einen einzigen Brunnen, an dem die Frauen mit Eseln Wasser holten. Immerhin schon ein Fortschritt im Gegensatz zu vorher geschilderte Szene in den Bergtäler. Wenn wir uns den Brunnen näherten um Wasser zu fassen, nahmen die Frauen Reißaus, denn es ziemte sich nicht in Anwesenheit junger fremder Männer weiterhin ihrem Tagwerk nach zu gehen. Man könnte sich ja den bösen Blick einfangen oder gar in den Verruf kommen einen unzüchtigen Blick auf das andere Geschlecht geworfen zu haben. Wie müssen sich die Marokkaner wohl gewundert haben, dass ich als unverheiratetes junges Mädchen mit zwei, zeitweise sogar drei Männern reiste?

Zurück ging es über die Atlantikküste wo wir noch viele einsame Strände zum campen fanden. Was heute undenkbar ist, war zum Höhepunkt der Hippiezeit, als Bob Marley und Janice Joplin den Strand von Essaouira als ihr Domizil auserkoren, selbstverständlich für die europäischen Jugendlichen: Wir schliefen so oft es ging, direkt am Meer. In Agadir nächtigten wir unterhalb der damals noch kleinen Strandzone im Sand vor Gebüsch und Eukalyptusbäumen, als uns mitten in der Nacht ein junger Mann weckte. Schlaftrunken verstanden wir erst nicht was er wollte, aber er hatte ein paar Schuhe in der Hand, die offensichtlich von Wolfgang stammten. Erst langsam begriffen wir, dass er uns die Schuhe zurück brachte, die vorher von uns unbemerkt ein Dieb entwendet hatte. Der junge Mann hatte den Dieb beobachtet und ihn zur Rede gestellt. Als sich dieser rechtfertigte, das wären doch nur Hippies, die könne man ja beklauen, kam als Gegenargument, sozusagen als Verteidigung unserer Seriösität: „Das sind keine Hippies, schau mal Bruder, die haben doch ein Auto hier stehen“ Allah wäre das nicht recht, wenn du fremdes Eigentum stiehlst, also gib die Schuhe zurück.“ Der Dieb verzog sich ohne die Schuhe und der beherzte Finder übergab uns unser Eigentum mit der Mahnung etwas besser aufzupassen und nichts herumstehen zulassen um nicht noch weitere Moslems in Versuchung zu führen. Die Argumentation war uns zwar nicht so ganz einleuchtend, aber froh waren wir trotzdem, sonst hätte Wolfgang barfuß laufen müssen.

In Safi konnten wir noch herrliche Strände südlich der Stadt genießen ohne die Abwässer chemischer und phosphatverarbeitender Fabriken bevor es von Tanger über Ceuta wieder zurück nach Spanien ging.

Ich könnte sagen, der Urlaub – vor allem die Freundlichkeit der Menschen war prägend für mich und hat den Grundstock für meine Liebe zu Marokko gelegt, auch wenn es weitere sechs Jahre dauerte bis ich abermals – dieses Mal schwanger mit Astrid – zusammen mit meinem Mann Marokko bereiste. Die zweite Reise war ebenso großartig und hinterließ nur einen faden Nachgeschmack weil uns die Spanier nach der Rückkehr am Festland in glühender Sonne das ganze Auto ausräumen ließen um nach Drogen zu fanden und erst nach einer Stunde Filzerei endlich aufhörten, als ich ihnen demonstrativ meine Sieben-Monats-Bauch entgegenstreckte.

Trotz „Montezumas Rache“ die ich mir in Marrakech geholt hatte und die mich noch zwei Wochen zuhause begleitete, hieß es fortan bei mir „immer wieder Marokko, anstatt nie wieder Marokko“. Vielleicht wurde Astrid bei dieser Reise mit einem Virus infiziert, der den Grundstock für ihr Reisefieber und meine Nachfolge als Reiseführerautorin bildete.

Autorin: Erika Därr
http://www.daerr.info

   

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