„Du verstehst die Welt besser, aber es gibt auch mehr Fragen zu stellen“ – so beschreibt einer der in dieser Forschung befragten nordafrikanischen Studierenden aus den Maghrebstaaten Marokko, Algerien und Tunesien sehr bezeichnend die Komplexität und Ambivalenzen, die mit einer Migration verbunden sind.

Drei exemplarische Fallgeschichten in Bremen geben einen eindrucksvollen und differenzierten Einblick in die individuellen Lebenssituationen der Migranten. Dabei werden ihre subjektiven Wahrnehmungs-, Deutungs- und Handlungsmuster vor dem Hintergrund biografischer Erfahrungen und gesellschaftlicher Bedingungen in ihrem Kontext nachvollziehbar.

Im Dialog zwischen der Ethnologin und den Befragten entwickelt sich ein ‚Dritter Raum’, in dem verschiedene Positionen artikuliert und ausgehandelt, und zugleich auch latente Strukturen sichtbar werden können. Insbesondere die Dynamik von Forschungsprozess und -beziehung, in der das dichte Material entsteht, wird in den transparenten Darstellungen deutlich.

Die zentrale Frage der Arbeit bezieht sich auf die aktiven Handlungsstrategien des Subjekts im Migrationsprozess. Wichtige untersuchte Elemente sind dabei die Aufrechterhaltung von transnationalen Beziehungsnetzwerken, die Wahrnehmung und Gestaltung neuer transkultureller Begegnungen vor Ort, die Einbindung in die lokale Community, die Selbstverortung und Konstruktion kultureller Identitäten/Zugehörigkeiten sowie die Entwicklung von Transkulturalität und kultureller Hybridität in Diskurs und Handeln.

In der Analyse und vergleichenden Deutung der erhobenen Forschungsdaten werden sowohl individuelle Erfahrungen als auch strukturelle Gemeinsamkeiten deutlich.

Den Hintergrund für die theoretische und methodische Herangehensweise der Arbeit bildet die aktuelle ethnologische Migrationsforschung. Hier sind es insbesondere postkoloniale Theorien, die ungleiche Machtbedingungen benennen, sich kritisch gegenüber anpassungstheoretischen Positionen zeigen und alternative Konzepte entwerfen, die der zunehmenden Pluralisierung von Lebenswelten und -entwürfen im Zeitalter der Globalisierung Rechnung tragen.

Thematisiert wird ebenso die Bildungsmigration nach Deutschland. Aus dem Maghreb studieren derzeit über 10.000 junge Männer und Frauen an deutschen Hochschulen. Sie bilden deutlich mehr als die Hälfte aller arabischen und gleichzeitig nahezu die Hälfte aller afrikanischen Studierenden in der Bundesrepublik und können somit als wichtige Gruppe innerhalb der BildungsmigrantInnen angesehen werden. Spezifische Forschungen zu arabischen und/oder afrikanischen Studierenden in Deutschland, in denen NordafrikanerInnen explizit zur Untersuchungsgruppe gehören, werden ab den 1960er Jahren referiert.

Ein Exkurs, der die Migrationsdynamik aus dem Maghreb nach Europa aufgreift, soll einen allgemeinen Kontext schaffen, denn die gegenwärtige Situation nordafrikanischer Studierender in Deutschland lässt sich nicht unabhängig von den Erfahrungen der nordafrikanischen Kolonial- und Arbeitsmigrationsgeschichte und den damit verbundenen historisch gewachsenen Machtdifferenzen betrachten.

Kurzexposé: Intellektuelle Grenzgänger. Migrationsbiografien nordafrikanischer Studierender in Deutschland.

Transkulturelle Studien, Band 3, Frankfurt am Main: Campus, 2008.

ISBN 978-3-593-38641-6

   

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