Das Buch ist ein außergewöhnliches Dokument. König Hassan II., von 1961 bis 1999 Monarch von Marokko, vermittelt im Gespräch mit dem französischen Journalisten Eric Laurent interessante Einblicke in die Geschichte des Königshauses sowie in seine mehr als dreißigjährige Amtszeit als Akteur und Gestalter von Geschichte des Nahen Ostens. Sehr offen berichtet er von den historischen Entwicklungen und Konflikten in der Region - etwa der Erlangung der Unabhängigkeit Marokkos nach jahrzehntelanger Protektoratszeit, dem Algerienproblem, der Saharafrage, dem ägyptisch-israelischen Konflikt sowie der palestinensischen Frage.

Mit gleicher Offenheit spricht Hassan II. über seine Begegnungen mit bedeutenden Politikern unseres Jahrhunderts, von den französischen Staatspräsidenten de Gaulle, d’Estaing und Mitterand über die US-Präsidenten Kennedy, Carter, Nixon und Reagan bis zu den Führern der arabischen Staaten - u.a. Boumedienne, El Sadat und Gaddafi - sowie Israels. Nicht zuletzt erhält der Leser Kenntnis vom Selbstverständnis einer aufgeklärten islamischen Monarchie, von den erreichten Leistungen bei der Modernisierung des Landes sowie von dem engen Verhältnis HassanII. - eines Königs, dem es gelungen ist, die Errungenschaften der westlichen Welt mit der arabischen Tradition in Einklang zu bringen - zum marokkanischen Volk.

Geleitwort von Hans Klein

Hassan II. Von Marokko, Erinnerungen eines Königs mit einem Geleitwort des verstorbenen Bundesvizepräsidenten Hans Klein. Aufgezeichnet von Eric Laurent, aus dem Französischen übersetzt und mit einem Nachwort von Dr. Mourad Alami.

Bundesvizepräsidenten Hans KleinMarokko ist nebst Tunesien, Jordanien und Syrien einer der arabischen Staaten, die seit Jahrzehnten ein hohes Maß an innerer Stabilität aufweisen. Dabei sind die politischen Systeme der vier nicht oder nur teilweise miteinander vergleichbar. Sie sind indes denselben politischen Einflüssen ausgesetzt wie die ganze arabische Welt, die nicht nur des Palästina-Konflikts wegen bis heute von kriegerischen Auseinandersetzungen und immer wieder von sozialer, religiöser und ethnischer Unrast erschüttert wird. Aber - und das ist den Vieren gemeinsam - sie haben als Staatsoberhäupter starke, mit weitreichenden Machtbefugnissen ausgestattete Führungspersönlichkeiten. Für Tunesien gilt, dass der Generationenübergang nach 30 Jahren Habib Bourguiba auf Zine el Abidine Ben Ali ohne ernsthafte Reibungsverluste gelungen ist.

In dem vorliegenden Werk, einem Interview in Buchlänge, steht Hassan II., König von Marokko, Rede und Antwort über sich und sein Königreich. Sein Interviewpartner, der französische Journalist Eric Laurent, hat das Gespräch nicht nur mit eindrucksvoller Sachkunde, sondern vor allem auch mit einer klugen Mischung aus Takt und Beharrlichkeit geführt. Und so wird für den Leser ein Stück Zeitgeschichte lebendig beschrieben von einem ihrer Gestalter. Aus der Argumentation eines Königs wird unversehens die Plausibilität einer islamischen Monarchie erkennbar, der - unter den Gegebenheiten Marokkos - auch an der Schwelle zum dritten Jahrtausend nichts Anachronistisches anhaftet. Soweit der Charakter solch vielschichtiger, in mannigfaltige Verantwortungen eingebundener Persönlichkeit überhaupt entschlüsselbar ist, vermitteln Form und Inhalt der Antworten eine Vorstellung von der seelischen Struktur eines arabischen Königs, der ein moderner Intellektueller von beachtlichen Gaben ist und dessen Familie zu den Nachfahren des Propheten zählt.

Je weiter ich in der Lektüre dieses ungewöhnlichen Interviews kam, je mehr ich mich von den subjektiven (wiewohl für objektiv ausgegebenen) westlichen Maßstäben zu lösen vermochte, desto stärker fesselten mich die Aussagen dieses Königs, der vor 35 Jahren den Thron bestiegen und sein Volk erfolgreich durch die Fährnisse arabischer, afrikanischer und mediterraner Politik geführt hat. In Zeiten der Entkolonisierung des Maghreb, in Zeiten der Bandung-Begeisterung der Blockfreien, in Zeiten des Kalten Krieges, in Zeiten überbordender islamistischer Tendenzen.

S.M. Hassan II mit S.M. Juan Karlos“ Bei den Arabern”, schrieb Goethe, “finden wir herrliche Schätze.” Ihn haben “festeste Anhänglichkeit an Stammgenossen, Ehrbegierde, Tapferkeit, unversöhnbare Rachelust gemildert durch Liebestrauer, Wohltätigkeit, Aufopferung, sämtlich grenzenlos” so tief beeindruckt wie die Sprachgewalt des Koran oder die Poesie arabischer und persischer Dichter. Jahrzehnte seines Lebens hat sich der Altmeister, der weltgesinnte, mit dem Islam befasst.

Und wir, die Deutschen des Online- und Jet-Zeitalters, die wir im doppelten Wortsinn massenhaft fremde Kulturkreise bereisen, die wir inzwischen Hunderte von Moscheen und Millionen von Muslimen im eigenen Land haben, die wir unsere Einbindung in die weltweiten gegenseitigen Abhängigkeiten nicht lösen wollen, aber auch gar nicht lösen könnten, was wissen wir heute über den Islam, über die Araber, über ein Land wie Marokko?

König Hassan II., der Arabisch, Französisch, Englisch, Latein, Literatur, Geschichte, Religion, Recht und Philosophie gelernt hat, der über eine klassische arabisch-islamische Schulung und eine moderne französische juristische Bildung verfügt, der von seinem Vater auf Amt und Würde eines Königs sorgfältig vorbereitet wurde, der seit Jahrzehnten mit den Großen dieser Welt Gedankenaustausch pflegt, der Anschläge und Revolten überlebt hat, der zu strafen und zu vergeben weiß und dessen weltliche wie geistliche Autorität von der überwältigenden Mehrheit der Bürger seines Landes anerkannt wird, kann seine politischen Entscheidungen vermutlich leichter aus überlegener Einsicht in das Gemeinwohl und die internationalen Wirkungen treffen, als dies einem demokratischen Staatsmann möglich ist. Doch die Abhängigkeiten von Meinungsströmen und Stimmungslagen der Öffentlichkeit weichen in den beiden Systemen nur in Nuancen voneinander ab. Die medialen Vertreter, Verstärker und Macher öffentlicher Meinung, integraler Bestandteil demokratischer Machtkontrolle, können im einen Fall unter zu starken staatlichen Einfluss gelangen, im anderen übermächtigen Einfluss auf staatliche Entscheidungen gewinnen. So erhalten bei uns Sensationsmeldungen, verfasst von halbgebildeten, aber meinungsstarken Journalisten, oder Vorstellungen extrem wirklichkeitsfremder beziehungsweise rücksichtslos egoistischer Randgruppen oft ein unangemessenes Gewicht im politischen Entscheidungsprozess. Was gelten da schon fundiertes Wissen und erfahrenes Urteil von Gelehrten, Diplomaten oder Politikern, die in der Region bewandert sind. Sie werden kaum zur Kenntnis genommen, wenn ihnen Vorurteile entgegenstehen, die vermittels seichter TV-Reportage oder eigenem Urlaubsmissgeschick bestärkt wurden. Wer die widerspruchslose Hinnahme der obszönsten Herabwürdigung seines christlichen Glaubens für einen Ausdruck der Toleranz hält, wird keinen Respekt für das aufbringen, was beispielsweise Muslimen heilig ist. Wer den Sinn für die Würde der eigenen Nation verloren hat, wird sich um die Eigenart anderer erst gar nicht bemühen, geschweige sie würdigen.

Der Satz des Grafen von Buffon “Le style est 1’homme même”, der wie eine königliche Verhaltensregel klingt, trifft auf jedermann zu. Das Beispiel eines wahrhaft königlichen Stils bietet jedoch der König von Marokko in Sein und Tun, in Lebensleistung und Darstellung. Dynastisches Traditionsbewusstsein, königliche Unnahbarkeit, stolzer Unabhängigkeitswille, erfahrener Wirklichkeitssinn, reflektierende Intellektualität, gastfreie Ritterlichkeit, mondäne Lockerheit, warmherzige Großmut oder abweisende Härte - dies alles vermag er je nach Situation, je nach Partner, je nach Zweck, doch stets orientiert an der Staatsräson, einzusetzen. Sein glänzendes Gedächtnis, seine im Arabischen wie im Französischen eindrucksvolle sprachliche Gestaltungskraft und sein von Kindheit an geschultes psychologisches Einfühlungsvermögen schlagen sich in diesem Interviewgespräch nieder, machen es für den historisch und rhetorisch interessierten Leser zur Delikatesse. Natürlich ist dieser mit so außergewöhnlichen Gaben ausgestattete König darauf bedacht, sie - stilvoll, also maßvoll und unaufdringlich - ins rechte Licht zu setzen. Gelegentlich verweigerte Antworten oder höflich angebrachte Korrekturen an der Fragestellung vermitteln zudem den Eindruck, dass er lieber schweigt, wenn er die Wahrheit nicht sagen kann oder will. An einigen wenigen Stellen - und das kann sich nur jemand leisten, der die Sprache so meisterlich im Griff hat wie er - lässt er schemenhaft durchblicken, dass der oberste Verantwortungsträger in der Güterabwägung mitunter gezwungen ist, gegen seinen eigentlichen Willen zu handeln.

   

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