Seit den Ereignissen am 11. September 2001 ist der gesellschaftliche „Anforderungskatalog“ an die Migrantenselbstorganisationen massiv gewachsen. Insbesondere Moscheegemeinden sind im Fokus dieses erstarkten öffentlichen Interesses geraten. Sie wurden zu einem der Hauptpartner einer gesamtgesellschaftlichen Kooperationsdynamik, an der sie nur bedingt teilhaben konnten.

Seither wird von Moscheegemeinden erwartet, dass sie sich nicht länger auf ihre klassischen konfessionellen Tätigkeitsfelder beschränken sollen, sondern sich mehr um die Implementierung von handfesten sozialpädagogischen Dienstleistungen bemühen, wie z. B. die Stärkung von Erziehungskompetenzen muslimischer Eltern, Jugend- und Bildungsarbeit oder die Bekämpfung von antidemokratischen Tendenzen.

Dabei wird gerne übersehen, dass Moscheegemeinden weder über ausreichende Mittel und Ressourcen noch über zwingend notwendige Kompetenzen verfügen, um diese großen Erwartungshaltungen bedienen zu können. Nicht wenige Moscheegemeinden haben nicht nur bereits ihre Grenzen hinsichtlich der Mobilisierung von ehrenamtlichen Ressourcen erreicht, sondern leiden zugleich auch unter einer chronischen Unterfinanzierung. Dadurch haben sie kaum die Möglichkeit professionelle Arbeits- und Mitarbeiterstrukturen zu schaffen, die die Zugangsbarrieren zur Infrastruktur sozialpolitischer Fördermaßnahmen beheben könnten. In den meisten Fällen verfügen Moscheegemeinden nicht mal über die Anerkennung als freier Träger der Kinder- und Jugendhilfe und bleiben von einer Reihe von Fördermöglichkeiten und Regelfinanzierungen ausgeschlossen.

Trotz alledem hat der gesellschaftliche Disput um das Thema Islam in Deutschland zu einem beachtlich gewachsenen Selbstbewusstsein von Muslimen in unserer Gesellschaft geführt. Vor allem Muslime der zweiten und insbesondere der dritten Generation verstehen sich immer mehr als zivilgesellschaftliche Akteure und beanspruchen für sich eine adäquate Teilhabe an gesellschaftlichen Ressourcen wie Arbeit, Bildung, Wohnung, Kultur, Gesundheit und Politik. Dieser Prozess ist nahezu unumkehrbar und wird durch den demographischen Wandel unserer Gesellschaft zementiert.

Um den eigenen Ansprüchen an gesellschaftlicher Partizipation gerecht zu werden und den gesellschaftlichen Erwartungshaltungen entgegenzukommen, müssen Moscheegemeinden einen gewaltigen strukturellen, konzeptionellen, methodischen und körperschaftlichen Transformationsprozess leisten. Ein Transformationsprozess hin zu einem Anbieter von sozialen Dienstleistungen der freien Wohlfahrtspflege, die sich auf die Fundamente einer professionellen sozialen Arbeit stützt und sich einer rechtlich geregelten Finanzierungsstruktur bedient.

Transformation zum sozialen Dienstleister

Doch Moscheegemeinden, die den Transformationsprozess zum sozialen Dienstleister gestalten wollen, stehen heute vor einer Reihe von Fragestellungen und Aufgaben. Sie müssen nicht nur das Verständnis für eine hauptsächlich auf Bedarfsdeckung orientierte soziale Arbeit aufbringen, sondern auch die eigene Angebotsstruktur (nicht nur gegenüber dem eigenen Klientel) ausbauen, mehr Handlungsmöglichkeiten zur Reaktion auf gesellschaftliche Geschehnisse entwickeln und sich um die Implementierung von Qualitätsstandards, Organisationsstrukturen und Professionalität konzentrieren. Sie müssen ihre wichtige Arbeit auf wissenschaftliche Grundlagen sozialpädagogischen und sozialtätigen Handelns stellen und sich im Spannungsfeld zwischen sozialstaatlicher Intervention und einer subsidiarisch geregelten Wohlfahrtsarbeit, die auf die Autonomie der Individuen abzielt und ihre Teilnahme am öffentlichen Leben sichert. Sie brauchen deutlich bessere Strukturen in ihren sozialräumlichen Verortungen und ausgebildete Fachkräfte im Haupt-, Neben- und Ehrenamt.

Notwendigkeit eine Qualifizierungsoffensive

Um das zu erreichen, brauchen Moscheegemeinden zwingend eine groß angelegte und tief greifende Qualifizierungsoffensive, die sie befähigen könnte, die geforderten Qualitätsstandards einer professionellen sozialen Arbeit einzuhalten. Selbstverständlich muss sich diese Qualifizierungsoffensive nach den individuellen Bedürfnissen der einzelnen Gemeinden richten, hinsichtlich fehlender Expertise, Knowhow, Fortbildung, Qualifizierung und Begleitung.

Die Qualifizierungs- und Fortbildungsmaßnahmen können unmittelbar, effektiv und effizient dazu führen, dass die vielen Moscheegemeinden endlich in die Lage versetzt werden, die gemeinschaftlich verabredeten Integrationsstandards zu erfüllen und ein adäquates professionelles Richtmaß in ihrer bisherigen integrativen und interkulturellen Arbeit einzuführen, um mittelfristig zu einem uneingeschränkten Träger sozialer Arbeit zu wachsen.

Damit können Muslime in Deutschland einer echten gesamtgesellschaftlichen sozialen Partizipation entscheidend näher kommen. Viele Sozial- und Bildungsfragen unserer Einwanderungsgesellschaft könnten so effektiv und effizient gestaltet werden und den gesellschaftlichen Frieden nachhaltig sichern.

Autor: Diplom-Sozialpädagoge Samy Charchira

Mitglied des Landesvorstandes des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes NRW und Sachverständiger für Islamische Wohlfahrtspflege bei der Deutschen Islamkonferenz

   

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