Um den Anforderungen des Arbeitsmarktes im Nachkriegsdeutschland gerecht zu werden und das deutsche „Wirtschaftswunder“ aufrechtzuerhalten, unterzeichneten die Bundesregierung und die Regierung des König-reiches Marokko am 21.05.1963 das deutsch-marokkanische Anwerbeabkommen über die „vorübergehende Beschäftigung marokkanischer Arbeit-nehmer in der Bundesrepublik Deutschland“.

Seither sind viele Männer und Frauen aus Marokko nach Deutschland gekommen und haben hier ihre neue Heimat gefunden. Sie leben hier bereits in der dritten und vierten Generation und sind ein fester Bestandteil unserer Gesellschaft.

Mit dem deutsch-marokkanischen Anwerbeabkommen bekundete die damalige Bundesregierung die feste Absicht. marokkanische Hilfs- bzw. Fach-arbeiter in deutschen Betrieben anzulernen, weiterzubilden und zu qualifizie-ren, um somit einen entwicklungspolitischen Beitrag zum Aufbau des nordafrikanischen Landes beizusteuern. Daher wird dieses Anwerbeabkommen, dessen Unterzeichnung sich nun zum 50ten Mal jährt, nicht selten als der Beginn einer marokkanischen Einwanderung nach Deutschland verstanden. Tatsächlich aber liegen die Anfänge der marokkanischen Migration nach Deutschland viel weiter zurück.

ANWERBEVEREINBARUNG ALS STEUERUNGSINSTRUMENT

Lange vor der offiziellen Anwerbung haben bereits viele Marokkanerinnen und Marokkaner in Deutschland Fuß gefasst und in der heimischen Industrie gearbeitet. Über verschiedene Einreisemöglichkeiten sind sie nach Deutschland gekommen und waren hier willkommene Arbeitskräfte. Viele deutsche Bergbaubetriebe sahen in ihnen eine geeignete Möglichkeit, den Rückgang der Unter-Tage-Arbeiter zu stoppen und den entstandenen Bedarf langfristig zu decken - zu Recht, denn die marokkanischen Arbeiterinnen und Arbeiter bewiesen eine gewisse Kontinuität hinsichtlich ihrer Betriebszugehörigkeit.

Im Zuge des allgemeinen Arbeitskräftemangels in Deutschland begangen die marokkanischen Arbeiterinnen und Arbeiter dann ihren Verwandten, Freunden und Stammesangehörigen Arbeitsverträge im Baugewerbe sowie in der Eisen-, Stahl-, Chemie- und Textilindustrie zu vermitteln. Lange vor dem deutsch-marokkanischen Anwerbeabkommen entstand somit die ersten größeren marokkanischen „Gastarbeiter-Communities“ in Deutschland. Ihre rechtliche und gesellschaftliche Einordnung suchte die damalige Bundesregierung in den vertraglichen Bestimmungen des deutsch-marokkanischen Anwerbeabkommens. Sie sollten von vorne herein die Funktion eines Steuerungsinstruments haben, insbesondere für die bereits einsetzenden Migrationsströmungen marokkanischer Arbeiter nach Deutschland.

Mit diesem Abkommen wurden hier interessanterweise wenige neue Migrationsprozesse angebahnt. Vielmehr folgte das Abkommen einer längst begründeten Arbeitsmigration aus Marokko. Diese Tatsache verdeutlichte noch einmal die Ausnahmeerscheinung des Anwerbestaates Marokko unter den Anwerbeländern in Deutschland.

MIGRATION DURCH ANWERBESTOPP

Angesichts der Situation auf dem Arbeitsmarkt und der sich abzeichnenden Wirtschafts- und Energiekrise, verhing Deutschland am 23. November 1973 den sogenannten „Anwerbestopp“.

Demzufolge konnten auch Marokkanerinnen und Marokkaner nicht mehr zur Arbeitsaufnahme nach Deutschland einreisen!

Viele erkannten, dass durch die Einreisesperre und dem Anwerbestopp die Zeiten, in denen sie zwischen alter und neuer Heimat hin und her pendelten, endgültig vorbei waren. Viele entschieden sich für eine dauerhafte Niederlassung in Deutschland und fürchteten sich zugleich davor von ihren Angehörigen getrennt zu werden. Also begannen sie ihre Familien nachzuholen und begründeten somit die zweite Etappe marokkanischer Einwanderung nach Deutschland, nämlich die der „Familienzusammenführung“.

FOLGEN DER ANWERBUNG FÜR MAROKKO

Die Anwerbung marokkanischer Arbeitskräfte in die europäische Wirtschaft leistete in der Vergangenheit einen entscheidenden Beitrag zur Entschärfung der politischen Verhältnisse in Marokko, das erst im Jahre 1956 von Frankreich und Spanien unabhängig wurde. Aber vor allem ging seither und bis heute ein beachtlicher Teil der marokkanischen Ökonomie, des Bruttonlandproduktes und der wirtschaftlichen Dynamik auf die marokkanischen Auslandsgemeinschaften zurück.

Die alljährlichen finanziellen Rückführungen der Auslandsmarokkaner haben entscheidend zur wirtschaftlichen Entwicklung Marokkos beigetragen und machen heute noch einen wesentlichen Teil des Staatshaushaltes aus. Allein im Jahre 2008 haben Marokkanerinnen und Marokkaner mehr als 7 Milliarden US-Dollar nach Marokko transferiert. Das ist mehr als das was der marokkanische Staat aus der Förderung des Rohstoffes Phosphat, der bisher staatlichen Haupteinnahmequelle (Marokko ist weltweit Phosphat-Exporteur Nr. 1), aus dem Tourismus oder aus der Landwirtschaft einnimmt.

MAROKKANER IN DEUTSCHLAND

Weit mehr als 3 Millionen Menschen marokkanischer Herkunft leben in Europa, das sind etwa 10 % der gesamten marokkanischen Bevölkerung. Die meisten von ihnen haben sich in Europa niedergelassen und stellen, nach den Türken, die zweitgrößte Migrantengruppe in Europa dar. Marokkanerinnen und Marokkaner verzeichnen in Deutschland sehr hohe Einbürgerungsquoten. Die marokkanische Community in Deutschland zählt heute etwa 150.000 Menschen, mehr als 85 % leben in NRW und Hessen und etwa die Hälfte verteilt sich auf ca. zehn Großstädte, wo sie eine relativ große Rolle spielt.

Die Community ist präsent, aktiv, äußerst jung und fest verortet - und sie ist in einem ständigen Wandel. Heute verzeichnet die marokkanische Gemeinde in Deutschland ihre dritte Migrationsetappe, nämlich die der Studenten. Insbesondere für technische Studienfächer ist Deutschland ein beliebtes Einreiseland für marokkanische Studentinnen und Studenten geworden. Nach Angaben des Ministeriums für die im Ausland lebenden Marokkaner in Rabat leben bereits ca. 10.000 marokkanische Studenten in Deutschland.

Diese studentische Migrationsstörung aus Marokko verändert die marokkanische Community in Deutschland maßgeblich und nachhaltig. Sie hebt den Bildungs- und Leistungsstand der Community entscheidend und löst eine innermarokkanische Bildungsdynamik, von der insbesondere Marokkanerinnen und Marokkaner der dritten und vierten Generation stark profitieren können.

Autor :Samy Charchira

Samy Charchira ist Sozialpädagoge und Mitglied des Landesvorstandes des paritätischen Wohlfahrtsverbands NRW. Er ist Sachverständiger für islamische Wohlfahrtsarbeit bei der Deutschen Islamkonferenz und Mitglied der Steuerungsgruppe des Zukunftsforum Islam der Bundeszentrale für politische Bildung.

Als Vorstandsmitglied gehört er den freien Träger „Düsseldorfer Wegweiser“ das sich, In Kooperation mit dem Nordrhein-westfälischen Ministerium für Inneres und Kommunales, gegen gewaltbereitem Neo-Salafismus einsetzt.

Dieser Artikel ist im Juli 2013 in der Ausgabe des Kammermagazins der Deutschen Industrie- und Handelskammer in Casablanca „BILATÉRAL“ unter dem Titel „50 Jahre marokkanische Migration in Deutschland“ erschienen.

   

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