18. Festival der Sakralmusik im Juni 2012 in Fes. Unter der gewaltigen Eiche im Garten des Museums Batha wurde Weltmusik zelebriert. Auf dem riesigen Place Baghdadi, vor dem blauen Haupttor der Medina gelegen, gab es allabendlich Freikonzerte, ebenso waren die mitternächtlichen Auftritte der Tariqas im Dar Tazi, der ehemaligen Residenz des französischen Generalresidenten, kostenlos. .

Fes, seit ewigen Zeiten das kulturelle Zentrum Marokkos, war Anfang Juni zum 18ten Mal Gastgeber des Festivals Musiques Sacrées Du Monde, dem Weltfestival der sakralen Musik. Ein idealerer, aber auch ungewöhnlicherer Ort ist in Marokko kaum vorstellbar. Ideal, ja geradezu prädestiniert ist Fes, weil die größte und älteste Königsstadt des Landes auch Heimat der großen Sufibruderschaften (Tariqas) Nordafrikas ist, weil Fes vom Ururenkel des Propheten, Moulay Idriss II., gegründet wurde, weil hier seit 1200 Jahren das spirituelle Herz Marokkos schlägt, weil die verkehrsfreie Altstadt mit ihren historischen Plätzen und Palästen einen hervorragenden Rahmen für exotische und kontemplative Klänge bietet und weil Fes schon für sich genommen eine Reise wert ist. 

Ungewöhnlich als Standort für ein derart globales kulturelles Miteinander ist Fes, da die Einwohner von Fes, die Fassi, sich über die Jahrhunderte resolut und sehr erfolgreich gegen Einflüsse von außen gewehrt hatten. Ungläubige hatten noch bis Anfang des 20. Jahrhunderts, wenn sie enttarnt wurden, um ihr Leben zu fürchten. Die jüdischen Mitbewohner wurden in ein Getto (Mellah) evakuiert, da es immer wieder zu Pogromen seitens der arabischen Bevölkerung kam. Man wollte in Fes stets unter sich bleiben, 1100 Jahre lang. Nun aber werden in der traditionellsten und orthodoxesten Stadt Marokkos musikalische Vertreter aller großen Religionen mit offenen Armen empfangen.
Dieses Jahr waren Hindus aus Rajasthan, Sinti aus Ungarn, Gospelsänger aus den USA, Sufis aus Pakistan, neben Musikern aus Spanien, Ägypten, Iran, Italien, Guinea, Tunesien, Usbekistan, dem Libanon und Island eingeladen ihre musikalisch religiösen Traditionen zu vermitteln. In Zeiten von interreligiösen Konflikten, arabischem Frühling, Palästina-, Iran-, Irak-, Afghanistankonflikten, Fanatismus ist das Festival Musiques Sacrées Du Monde ein Ort der vorurteilsfreier Begegnung der Kulturen geworden. Zu Verdanken hat Fes dies Dr. Faouzi Skali, einem Anthropologen, Ethnologen und Sufi. Als Reaktion auf den Golfkrieg wollte er mit dem Festival ein Stück Weltfrieden schaffen. Wie gut ihm dies gelungen ist, zeigt die Resonanz tausender internationaler und lokaler Zuschauer und hunderter Journalisten, die das diesjährige Festival besucht haben.
Unter der gewaltigen Eiche im Garten des Museums Batha wurde Weltmusik zelebriert. Auf dem riesigen Place Baghdadi, vor dem blauen Haupttor der Medina gelegen, gab es allabendlich Freikonzerte, ebenso waren die mitternächtlichen Auftritte der Tariqas im Dar Tazi, der ehemaligen Residenz des französischen Generalresidenten, kostenlos. Die Highlights der Festivalwoche Björk aus Island, Archie Shepp und Joan Baez aus den USA, sowie Sheikh Yasin al-Tuhami aus Ägypten traten auf der Bühne unter dem gewaltigen Torbogen des Bab Dekaken (Bab al Makina) auf. Hier fand auch die Eröffnungsveranstaltung im Beisein der Prinzessin Lalla Selma, selbst gebürtige Fassi, statt. Begleitet wurden die musikalischen Auftritte von Kunstausstellungen und morgendlichen Diskussionsveranstaltungen z.B. zum Thema Spiritualität und Ökonomie. Eine Besonderheit war die dreitägige Veranstaltung „Nacht in der Medina“. Besucher konnten zwischen drei außergewöhnlichen Veranstaltungsorten, allesamt Paläste aus dem 18./19. Jahrhundert, wechseln. Damit die verschlungenen Wege in der Altstadt gut zu finden waren, waren die Gassen mit Kerzen beleuchtet und mit Rosenblättern bestreut. Zahlreiche Hinweisschilder und Polizisten an jeder Wegkreuzung machten die nächtlichen Spaziergänge durch das Gassenlabyrinth für Jedermann zu einem entspannten Erlebnis. Beim diesjährigen Festival fiel die enorme Zahl an Sicherheitspersonal, wie Feuerwehr, Ambulanz und Polizei auf. Sicherheit wurde auf allen Ebenen beim 18. Festival Musiques Sacrées Du Monde großgeschrieben.
Die morgendlichen Diskussionsveranstaltungen sind eher für frankophone Spezialisten (eine gute Gelegenheit die riesige Medina, Weltkulturerbe seit 1981, zu erkunden), die um 16 Uhr beginnenden Nachmittagskonzerte im Museum Batha sind meist ethnologisch ausgerichtet und immer einen Besuch wert. Besonders angenehm ist das wohltuende und intime Ambiente im Garten des ehemaligen Wesirpalastes. Gut gefallen hat mir Sheikh Yasin al-Tuhami aus Ägypten und die gewaltige Stimme von Mory Djely Kouyaté aus Guinea. Der ihn begleitende blinde Pianist Jean-Philippe Rykiel begeisterte das internationale Publikum mit virtuosem Klavierspiel. 
Die allabendliche Hauptveranstaltung am Bab al Makina ist gleichzeitig Treffpunkt der lokalen Bourgeoisie. Mit rotsamtener Bestuhlung im Louis XIV. Stil und vielen Ordnungs-und Sicherheitskräften erhält die Abendveranstaltung einen sehr offiziellen Charakter, passend zur Historie des Veranstaltungsortes. Der mit zinnenbewehrten, haushohen Lehmmauern umgebene Platz (Mechouar) vor den Toren des Königspalastes, war früher offizieller Empfangsort für hochrangige ausländische Gäste des Sultans. Archie Shepp, USA, spielte hier wie erwartet tadellosen Blues und Gospel. Björk aus Island, auf die ich sehr gespannt war, war eindeutig zu viel für meinen angeschlagenen Magen. Ihr neuste Performance Biophilia ist mir doch eine klare Spur zu extravagant. Joan Baez: na ja, in den 70ern gefiel sie mir deutlich besser, war trotzdem nett. Wadi El Safi aus dem Libanon überzeugte mit klassischer arabischer Musik vom Feinsten. Wer noch Ambitionen verspürte, konnte auf dem Rückweg in die Altstadt die öffentlichen Konzerte auf dem Place Baghdadi besuchen und anschließend, gegen 23 Uhr, zu den meditativen Klängen der Sufibruderschaften im Garten des Dar Tazi tanzen. Die beiden letztgenannten Konzertorte werden gerne von den „Locals“ besucht, entsprechend ausgelassen und fröhlich ist die Stimmung.
Um mir einen Überblick über die mir größtenteils unbekannten Künstler zu verschaffen, habe ich Hörproben auf Youtube zurate gezogen. Bei der Fülle an Konzerten und den teilweise recht hohen Eintrittspreisen sollte man sich im Vornherein einen Schlachtplan erstellen. www.fesfestival.com.
Weniger ist mehr, dafür aber richtig genießen – ein Zimmer in einem der romantischen Riadhotels der Medina (rechtzeitig buchen!), ausreichend Zeit die einmalige Altstadt zu erkunden, vielleicht einen Tagesausflug zur Schwesterstadt Meknes oder zur römischen Stadt Volubilis unternehmen, eine wohltuende Siesta in der Mittagshitze - mit diesem Motto genießt man eine unvergleichlich dichte und abwechslungsreiche Woche in der schönsten Stadt Nordafrikas und kann von dort eine einmalige Reise durch die Kulturen unserer Welt unternehmen.
 
 
Autor: Eberhard Hahne
www.eberhard-hahne.com

 
   

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