Zimt auf deiner Haut (Leseprobe Kapitel 1 bis 3), ein Roman von Indrikis Harold Martinson

Die Handlung und die Namen der Personen sind zum Teil frei erfunden. Der Inhalt ist angelehnt an eine Erfahrung des Autors in einem anderen Land.

Kapitel 1 und 2: KARIMA

Die Stille war berauschend. Karima war fast alleine im Dom und stand vor dem Hochaltar, ihr Diplom des Instituts für Geologie der Universität zu Köln in der Hand. Sie floh vor dem Rummel der Entlassungsfeier. Sie suchte die Ruhe, denn sie musste nachdenken. Ihre Gedanken wirbelten nur so herum, Bilder ihrer Jugend und ihres Zuhauses in Marrakesch mischten sich mit dem Erlebten während ihrer Studienzeit in Deutschland. Karima stellte schnell fest, dass sie wohl zu sehr vom erfolgreichen Abschluss ergriffen sei, um mit Besonnenheit Gedanken zu fassen und insbesondere wohlüberlegte Entscheidungen zu treffen.

Den Rummel um das Bestehen und die Entlassungsfeier wollte sie aber umgehen. Ihre Eltern drängten sie, nach dem erfolgreichen Studium erst einmal eine Pause einzulegen und einige Zeit zu Hause zu verbringen. Sie sollte zunächst ausspannen. Auch von Marokko aus könnte sie per Internet auf Jobsuche gehen und ihre Bewerbungen per E-Mail versenden.

Karima eilte zu einem Reisebüro und buchte den nächstmöglichen Billigflug nach Marrakesch. Sie hatte noch einige Tage, um alle behördlichen Formalitäten zu erledigen, einen Nachmieter für ihr möbliertes Zimmer zu finden und insbesondere Abschied von Silvia zu nehmen. Beide hatten sich zu Beginn des Studiums kennen gelernt und angefreundet. Silvia war fasziniert von ihrer Freundin Karima und rühmte sich, eine nur in Marokko aufgewachsene und fließend Arabisch sprechende deutsche

Freundin mit arabischem Vornamen zu haben. Karimas Eltern hatten als erste deutsche Unternehmer aus der Textil- und Lederbranche in Marrakesch Fuß gefasst. Sie achteten darauf, dass ihre kurze Zeit nach Fertigstellung und Inbetriebnahme aller Produktionshallen geborene Tochter zwar eine europäische Erziehung erhielt, aber auch die arabische Sprache erlernte und pflegte. Karima war ein Einzelkind, von ihrer Mutter wohl umsorgt. Die deutsche Kultur war ihr nicht fremd, verbrachte sie doch die langen Sommerferien stets bei ihren intellektuellen Großeltern in Deutschland. Mit 17 machte sie ihr Abitur am französischen Gymnasium in Marrakesch. Mit 17 begann sie ihr Studium in Köln.

Karima schlief sehr lange aus. Die ganze Nacht hatte sie mit ihren Eltern über den nun abgeschlossenen Lebensabschnitt gesprochen, von ihren zahlreichen Erkenntnissen und Erlebnissen erzählt. Immer wieder umarmte sie ihre Mutter und ihren Vater, glücklich doch wieder zu Hause zu sein. Sie hörte aber auch ihren Eltern aufmerksam zu, als diese über das heutige Leben in Marrakesch und in Marokko berichteten. So habe sich vieles in den paar Jahren ihrer Abwesenheit verändert, ob nun die Menschen oder der Lebensablauf als solcher. Vieles sei nicht mehr ganz so einfach wie früher und man müsse aufpassen, was man wem sage. Der politische Boden sei wegen der religiös-radikalen Auswüchse unruhiger geworden, die „kleine“ Wirtschaft leide unter den Globalisierungsfolgen. Viele neue Ansprüche insbesondere der dominierenden und bestimmenden Arrivierten seien der Grund, alte und gut bewährte Rechte abzuschaffen. Die Kapitalinvestitionen seien stark zurückgegangen.

Nach dem Duschen betrachtete sich Karima vor dem Spiegel, der eine ganze Wand des Badezimmers einnahm. Sie war mit sich und ihren 175 cm sehr zufrieden. Ihre langen dunkelblonden Haare und ihre schmale Silhouette rundeten das Gesamtbild einer attraktiven jungen Frau mit bildhübschem Gesicht ab.

Am Abend fuhr sie mit ihrer Mutter Lebensmittel einkaufen. Es sollte auch noch ein kurzer Abstecher zum Platz Djemâa el Fna, dem Platz der Gehenkten, werden, denn Karima vermisste die unvergesslichen Bilder der Geschichtenerzähler, der vielen Schlangenbeschwörer, Wasserverkäufer und jugendlichen Akrobaten.

Während der Rückfahrt war Karima still, sehr still. Ihre Mutter sah sie von der Seite diskret an und bemerkte, wie angestrengt Karima in Gedanken war. Irgendetwas muss sie sehr berührt haben. Jetzt bei der Autofahrt wollte sie sie nicht fragen. Bei der gemeinsamen Vorbereitung des Abendessens würde sich sicherlich eine passende Gelegenheit geben.

»Liebling, was war mit dir vorhin auf dem Platz und bei der Rückfahrt los? Du warst so still.«

»Ich weiß es nicht, Mama! Die Atmosphäre war so bedrückend und die Menschen auf dem Platz scheinen, ja wie soll ich es sagen, mir fällt kein besseres Wort als Nonchalance ein, ihre Nonchalance verloren zu haben. In den Gesichtern war kein Leben, keine Zufriedenheit zu sehen. Wenn sich die Leute unbeobachtet fühlten und offenbar sinnierten, sahen ihre Gesichter wie versteinert aus.«

Auch beim Abendessen waren Karimas Eindrücke das Gesprächsthema. Ihr Vater pflichtete ihr im Grundsatz bei und meinte die Ursachen ihrer Feststellungen seien darin zu sehen, dass in den letzten Jahren auch in Marokko das Leben teuer, sehr teuer geworden sei. Die Preise seien erheblich gestiegen, die Modernisierung und Industrialisierung seien insbesondere für die Landbevölkerung zu schnell vorangegangen und letztlich habe die äußerst starke Intensivierung des Islamglaubens zur Nachdenklichkeit der Bevölkerung beigetragen. Das Einkommen eines Tagelöhners oder einfachen Marktverkäufers könne heute keine Familie mehr ernähren und zugleich medizinisch versorgen, geschweige denn Rücklagen für das Alter bilden.

Noch lange unterhielten sie sich, insbesondere über die Reichen, die Mittelschicht, die Armen in Marokko und über die sich stets weiter öffnende Schere zwischen sehr Reich und sehr Arm auf allen Kontinenten, die Auseinandersetzungen der Menschen mit den ungerechten Auswirkungen der Globalisierung, die spürbaren Klimaturbulenzen, die Kriege und die Glaubensfeldzüge einiger nicht weniger Fanatiker, ihr Gesprächsstoff war unendlich in dieser Nacht.

Am nächsten Morgen plagte sich Karima mit Kopf- und Bauchschmerzen. Ob nun die zum Teil kontrovers geführten Diskussionen oder der Rotwein hierfür verantwortlich waren, sie nahm sich vor, den Tag nicht so enden zu lassen, wie er sich anschickte zu beginnen. Sie stand stöhnend auf, musste über sich lachen und begab sich ins Bad. Nach einem spartanischen Frühstück mit ihrer Mutter, ihr Vater war bereits unterwegs, entschied sie sich, einen ausgiebigen Sparziergang zu unternehmen. Die Schale mit Café au Lait und die zwei Croissants waren schnell vertilgt, Laufschuhe, enge Jeans und eine Bluse schnell angezogen.

Karima ging durch die Straßen, nichts war ihr neu. Vom Villenviertel erreichte sie nach gut zwei Stunden die Altstadt. Auch hier erkannte sie alle Gassen wieder, die Geschäfte, in denen sie mit ihren Eltern eingekauft hatte, und einige wenige Geschäftsinhaber und Verkäufer, die sie herzlich begrüßten. Schnell zog sie den Vergleich mit Deutschland: Frauen waren als Dienstleisterinnen in der Öffentlichkeit nicht zu sehen. Dies war bei den Muslimen verpönt. Und die Männer schienen nicht sich zu schämen. In einem Straßencafé trank sie einen Pfefferminztee. Die Geister kehrten langsam wieder zurück, die Kopfschmerzen hatten sich fast aufgelöst. Nur der Bauch meldete sich noch ab und zu energisch. Karima bezahlte und freute sich, dass die ersten Gespräche mit den Einheimischen ihr wieder das Selbstvertrauen gaben, das sie vor ihrer Abreise nach Deutschland so stark machte. Ihr Arabisch hatte durch die vierjährige Abwesenheit nicht gelitten. Die Überraschung der Araber, eine dunkelblonde junge Frau mit blauen Augen, Arabisch sprechend wie sie selbst, zu sehen und zu hören, törnte sie an. Sie wäre eine von ihnen gewesen, würde man vom Äußeren absehen.

Sie schlenderte noch eine ganze Weile durch die Gassen des Souks, als sie auf einen Hammam zuging, vor dem eine alte Marokkanerin dösend hockte. Es war ein Hammam nur für Frauen. Nie hatte Karima zuvor einen Hammam betreten, sie wusste nur, dass es sich um eine Art Dampfbad handelt, in dem sich Frauen der eigenen Körperpflege widmeten. Die alte Marokkanerin wachte aus ihrem Halbschlaf auf und winkte ihr zu.

»Komm, mein Kind, komm! Hier gehst du rein und kommst noch viel schöner raus. Komm, mein Kind, komm herein«, krächzte die Alte und fiel sofort wieder in ihren Halbschlaf.

Karima ging hinein und wurde gleich von einer jungen Marokkanerin im weißen Kittel empfangen. Diese gab ihr ein langes Handtuch und führte sie in eine Umkleidekabine. Sie sollte sich ganz ausziehen, das Handtuch um ihren Körper wickeln und in den nächsten Raum gehen. Karima war erstaunt über den großen Raum aus Marmor und buntem Granit, von dem kleine Nischen ausgingen. Ein Wohlbehagen überkam sie, die Ruhe krönte die von den Parfümen der Öle ausgehende sinnliche Stimmung.

Sie wurde von einem jungen, nur mit einem Lendenschurz bekleideten Mädchen gefragt, ob sie denn mit dem Kiss oder mit Sisal abgerieben werden wollte. Das junge Mädchen zeigte ihr dabei den Kiss, diesen rauen Handschuh, von dem sie schon gehört hatte. Sie entschied sich für den Kiss, und das junge Mädchen nahm ihr das Handtuch ab. Das sehr diskrete, aber dennoch hörbare Lächeln ließ Karima aufhorchen, und sie sah, wie das junge Mädchen sich die Hand vor den Mund und die andere Hand vor die Augen hielt, als dürfte sie nichts sagen und nichts sehen.

»Was ist los und wie heißt du?«, fragte Karima.

»Du sprichst Arabisch, als ob du eine von uns bist. Aber du, mit deinen blonden Haaren und blauen Augen und deiner hellen Haut, du bist keine von uns! Ich heiße Zaïda und bin eine Marokkanerin.«

»Ich bin keine von euch? Was soll das heißen? Wie meinst du das?«, fragte Karima ein wenig genervt. Karimas innere Ruhe drohte in Unruhe umzuschwappen.

»Kennst du denn die Fitra nicht, obwohl du fließend Arabisch sprichst?«, fragte die junge Marokkanerin verwundert.

»Nein, was ist das denn und warum siehst du mich so an?«, antwortete Karima neugierig fragend.

»Das sind die Inhalte der gottgewollten Veränderungen am Körper eines Mannes und einer Frau. Wir Muslime müssen uns streng nach den Reinlichkeitsregeln des Islam regelmäßig enthaaren, die Frauen immer nach der Menstruation. Nur die Kopfhaare dürfen bleiben. Alles andere muss rasiert werden. Das ist aber auch hygienischer, gerade auch bei den heißen Temperaturen draußen. Du bist aber nicht rasiert. Das geht hier nicht!«

Karima wusste zunächst nicht, was sie sagen sollte. Es kamen zwei weitere Marokkanerinnen rein, die sich gleich duschten. Karima sah, dass beide offenbar die Fitra umgesetzt hatten. Was sollte es? Warum nicht? Das Argument mit der Hitze und Hygiene ist sicherlich richtig, dachte sie und willigte ein.

Zaïda ging sehr behutsam und langsam vor, und Karima spürte ein leichtes inneres Vibrieren. Sodann wurde sie vom Kopf an beginnend am ganzen Körper eingeölt. Das junge Mädchen goss ihr Öl über die Stirn und Haare und massierte lange das Gesicht und die Kopfhaut. Karima entspannte total und genoss mit geschlossenen Augen die kreisenden, in Öl gebadeten Hände auf ihrer Haut. Zaïda massierte eher streichelnd und begoss sie immer wieder mit verschieden duftenden Ölen. Die doch hartnäckigen Bauchschmerzen wandelten sich schnell in Glücksgefühle, und diese lähmten ihre Ansätze, sich irgendwie der flinken Hände ihrer Masseurin wehren zu wollen. Nach ein paar Minuten Ruhezeit rieb Zaïda sie mit dem Kiss ab, bevor sie mit ihr ins Dampfbad ging. Dort unterhielten sie sich über das Schminken und über Henna als Haarfärbemittel, das den Haaren einen schönen, seichten rötlichen Schimmer gibt. Nach einer ausgiebigen Dusche verteilte Zaïda streichelnd Arganöl und Zimtpuder über ihren ganzen Körper.

»Zimt auf deiner Haut. Das ist gut und verzückt den Mann, der deinen Körper riecht.«, betonte Zaïda mit einem verschmitzten Lächeln.

Sie verließ den Hammam nachdenklich. Sie hatte dort nicht nur Befriedigung und Ausgleich gefunden. Dieses Hammam-Erlebnis hatte sie irgendwie von all den angestauten Verspannungen erlöst. In Deutschland hatte sie nur zwei Freunde gehabt, die aber wie sie noch sehr unerfahren in der Liebeskunst und der Verteilung von Zärtlichkeit waren. Oft wurde sie zu Partys oder anderen gesellschaftlichen Ereignissen eingeladen, rühmten sich doch einige Gastgeber, eine junge hübsche Deutsche zu kennen, die in Marokko groß geworden ist und fließend Arabisch spricht. Sie ließ aber stets alle Annäherungsversuche abblitzen, hatte sie doch zu der Zeit einen Freund oder eben keine Lust, eine kurze Bekanntschaft mit beabsichtigten Weiterungen einzugehen. Seitdem sie wieder in Marrakesch war, hatte sie noch keine Gelegenheit gehabt, einen netten jungen Mann kennen zu lernen, und so entschied sie sich, solange dieser Zustand anhielt, ein- bis zweimal die Woche die junge Marokkanerin Zaïda im Hammam aufzusuchen.

Auf dem Rückweg kehrte sie noch in ein Teehaus ein und trank eine ganze Flasche Mineralwasser. Dort hatte man ihr zunächst keine Beachtung geschenkt und sie nicht bedient. Kaum hatte sie auf Arabisch dem jungen Kellner hinter der Theke klargemacht, dass er sich mit dem Servieren beeilen solle, wurde sie vom Inhaber selbst bedient. Auf seine neugierige Frage, woher sie denn komme, sagte sie ganz frech, dass es sicherlich vom Himmel sei. Und sie hatte Ruhe!

Kapitel 3 und 4: FANTASIA

Karimas Mutter öffnete die Tagespost und nahm sich zuerst eines aus Seidenpapier gefalteten besonderen Umschlags an. Sehr vorsichtig zog sie die gebleichte Papyrusseite heraus und las aufmerksam und voller Neugier den mit blauer Tinte geschriebenen Text.

Wir, Chérif Khaled El-Raisuli geben uns die Ehre,

Herrn und Frau Neumann mit Tochter Karima

zur großen Fantasia

anlässlich unseres

50. Geburtstages einzuladen.

Auf einem zweiten Blatt waren weitere Angaben über diese Reiterspiele aufgeführt, so auch dass diese Einladung zugleich als Laissez-passer für die Ehrentribüne und dort für die Ehrenplätze 6 bis 8 galt, dass die Gäste abgeholt und wieder zurückgebracht würden. Sie las die Einladung noch mal durch, wunderte sich über den vom Einladenden gewählten Pluralis Majestatis und verspürte eine keimende Neugier.

Am Abend zeigte sie die Einladung ihrem Mann, der kleinlaut zugeben musste, ihr von der vorangegangenen telefonischen Ankündigung und Anfrage nichts gesagt zu haben. Er ginge davon aus, dass der ihm unbekannte Gastgeber, der in Marrakesch einen ehrbaren Ruf genieße und der Quarz-Magnat Marokkos sein soll, sicherlich in geschäftliche Beziehungen mit ihm treten wolle.

Als es so weit war, stand Karima in einem enganliegenden weißen Overall mit blauem Gürtel und gleichblauem Halstuch, die Augenlieder ausschließlich mit dunkelblauem Kajal geschminkt parat. Auch ihre Eltern hatten sich in Schale geschmissen. Es klingelte und auf der Straße stand ein schwarzer auf Hochglanz polierter Hummer H2. Der Fahrer in einem schwarzen Anzug stand neben der hinteren Tür und hielt diese offen. »Einladender geht es nicht!«, dachte Karima und frönte dem weiteren Geschehen.

Schon vom Weiten sahen sie, dass diese Veranstaltung sicherlich das mondänste gesellschaftliche Ereignis des Monats sein wird. Alles, was Rang und Namen in der Politik, Armee, Verwaltung und der Wirtschaft hat oder hatte, war zugegen. Karimas Eltern kannten viele der Gäste, was der allgemeinen Stimmung gleich die Anspannung nahm. Die meisten Freunde und Bekannte konnten ihr Staunen über die Entwicklung Karimas nicht verbergen, stand sie ja auch als Augenweide mitten unter ihnen. Ein auffällig gut gekleideter Araber kam auf sie zu und fragte, ob sie die Familie Neumann seien. Er sei der Generalsekretär von Chérif El-Raisuli und habe die Aufgabe, sie zu ihren Ehrenplätzen zu führen. Viele der anderen herumstehenden Gäste bekamen diese nur den Neumanns gezollte Aufmerksamkeit mit und waren ein wenig irritiert. An der von unzähligen Polizisten bewachten Tribüne angekommen verbeugte sich der Generalsekretär vor den Neumanns und teilte ihnen einen Butler zu.

»Dieser Butler steht ausschließlich zu Ihren Diensten. Bitte teilen Sie ihm Ihre Wünsche mit. Chérif El-Raisuli führt gegenwärtig ein wichtiges Gespräch und bittet Sie, seine Entschuldigung, Sie nicht persönlich begrüßen zu können, anzunehmen.«

Karima schaute sich um und entdeckte in der Mitte der Tribüne offenbar den Mann, der auch sie eingeladen hatte, stand sie doch expressis verbis auf der Einladung. Ein Schauer lief ihr den Rücken runter. Der erste Anblick dieses imposanten Mannes wirkte auf sie wie ein Magnet, der ihre Augen auf diesen Mann zu fixieren schien. Chérif El-Raisuli war ein hochgewachsener, schlanker Mann, mit schwarz-grau meliertem Haar, das asketisch gezeichnete Gesicht zeugte von Gesundheit, Kraft und Energie. Er war in einem intensiven Gespräch mit drei weiteren Männern, die überwiegend ihm aufmerksam zuhörten und sich immer wieder vor ihm sehr dezent verbeugten. Es geschah, was Karima nicht wollte: Ihre Blicke kreuzten sich.

Chérif El-Raisuli sprach auf seine Gesprächspartner ein, die sich mit einer tiefen Verbeugung von ihm entfernten. Er ging zwar direkt auf Karima zu, wandte sich aber zunächst an ihre Eltern, die er auf Französisch ansprach.

»Ich freue mich sehr, dass Sie Zeit gefunden haben und mit mir zusammen die Freuden des heutigen Tages verbringen wollen.«

»Chérif El-Raisuli, wir bedanken uns für die Einladung und freuen uns, mit Ihnen diesen Tag mit all den zu erwartenden Freuden verbringen zu können. Schon jetzt verspricht der Tag, unvergesslich zu werden.«, antwortete Herr Neumann respektvoll, wusste er doch noch nicht, wie er sowohl die ganze Situation als auch die Macht dieses Mannes einzuordnen hatte.

»Darf ich Ihnen meine Tochter Karima vorstellen? Sie ist seit kurzer Zeit wieder im Lande, nach ihrem Studium der Geologie, das sie jetzt abgeschlossen hat.«

»Wo hat sie denn studiert?«

»In Deutschland, an der Universität zu Köln.«

Karima spürte, wie ein Gefühl des Ärgers anfing, sich in ihrem Gemüt breitzumachen. Wieso sah dieser Mann sie nicht an und vor allen Dingen, wieso sprach er sie nicht direkt an und fragte sie nicht persönlich. Erst viel später sollte sie erfahren, dass sein Verhalten Methode hatte: Um das unbegrenzte Interesse einer Frau zu gewinnen, beachte sie zunächst nicht. Sie wird pikiert sein und alles tun, um die Aufmerksamkeit desjenigen, der sie nicht beachtet, auf sich zu lenken. Chérif El-Raisuli hatte mit dieser Gangart auch bei Karima Erfolg. Sie entschied sich, ihm imponieren zu wollen und mit sehr gepflegten Worten auf Arabisch seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Sicherlich wird er nicht wissen, dass sie fließend Arabisch spricht. Sie nahm sich all den Mut, den sie aufbringen konnte, nahm Chérif El-Raisuli am Arm und sah ihm tief in die Augen.

»Ich habe mein Geologie-Studium mit „sehr gut“ abgeschlossen und darüber freue ich mich! Ich freue mich aber auch sehr, mit meinen Eltern von Ihnen eingeladen worden zu sein und Ihre Bekanntschaft machen zu können.«

Chérif El-Raisuli zeigte sehr deutlich seine Überraschung. Er war perplex, denn damit hatte er nicht gerechnet. Es gelang ihm aber noch, seine nicht mehr ganz beherrschbaren Gefühle zu verbergen.

»Sie sprechen ja meine Sprache und wie gewählt Sie sich ausdrücken, mein Fräulein!«, antwortete Chérif El-Raisuli auf Französisch. Er wusste nicht, ob die Neumanns ebenfalls Arabisch sprechen, und wollte keinen Fauxpas begehen und auf einer Sprache antworten, die die übrigen Gäste eventuell nicht verstehen oder derer sie nicht ganz mächtig sind.

Chérif El-Raisulis gewandter Generalsekretär unterbrach äußerst zurückhaltend die Unterhaltung und deutete an, dass das Fest eröffnet werden müsste. Chérif El-Raisuli entschuldige sich bei Karimas Eltern und dann passierte etwas, was es noch nie in der arabischen Gesellschaft gegeben hatte. Er reichte allein Karima, einer jungen Frau, seine Hand und sagte nur ihr zugewendet auf Arabisch:

»Sie haben sich gezeigt, wie Sie sind; oder Sie sind so, wie Sie sich zeigen! Sie sind ein aufrichtiger und wertvoller Mensch! Ich mag Sie immer mehr!«

Chérif El-Raisuli drückte nochmals spürbar, aber zärtlich Karimas Hand und entfernte sich. Karima wurde nachdenklich. Was meinte er mit „Ich mag Sie immer mehr“? Was bedeutete „immer mehr“? „Immer mehr“ im Vergleich zu was? Sie konnte die Fragen nicht beantworten. Die Reiterspiele – die FANTASIA begannen. An dem der Tribüne gegenüberliegenden Ende versammelten sich die Reiter auf ihren mit Arabisch-Vollbluthengsten veredelten Berberpferden. Zwar zeigten diese Pferde nicht die Schnelligkeit der reinen Araber-Pferde, aber die Kreuzung brachte Tiere mit auffälligerer Mähne und imposanterem Galopp hervor. Bei dieser FANTASIA wurde die in Marokko übliche Barouda gezeigt. Mehrere hundert Meter kommen die Reiter stürmend auf die Tribüne zu, und schießen mit ihren reichlich dekorierten Schwarzpulvergewehren aus vollem Galopp kurz vor Erreichen der Tribüne, vor der sie dann abrupt stoppen. Natürlich gab es auch Wertungen, Ergebnisse komplizierter Regeln. Herausragend empfanden die Gäste die Anzahl der Reiter. Es waren – unüblich – hier mehr als fünfhundert Reiter auf der Strecke. Das Bild von dieser enormen Horde, dieser Ansammlung der schönsten, feurigsten und elegantesten Pferde, gravierte sich in die Erinnerung aller Beteiligten, ob Reiter selbst oder Gäste.

Zwischen den zwei Baroudas zeigten die tanzenden Pferde ihr Können. In einer Reihe vor der Tribüne standen etwas mehr als fünfzig schwarze Hengste mit in Weiß gekleideten Reitern dicht an dicht und fast unbeweglich. Alles war still, die Pferde, die Reiter, die Gäste. Nur ab und zu war das Schnaufen eines Pferdes zu hören. Die Konzentration der Reiter und der Pferde nahm zu, als ein kleiner Wimpel gehisst wurde. Sodann folgte ein sehr kurzes schrilles Stimmkommando und alle Reiterpaare begannen gleichmäßig und im gleichen Schritt zu tanzen. Die Reiterpaare vollendeten in einer ersten Szene den Tanz in voller Übereinstimmung. Nach wenigen Minuten weitete sich die Reihe aus und jedes Paar vollzog eigene Tanzinterpretationen, ohne auch nur die Reihe aufzulösen. Dann plötzlich kam die Reihe in Bewegung, aber nur eine Pferdelänge vorwärts. Die Reihe stand still, wie vor Beginn des Tanzes. Es war das Ende dieser Vorführung. Betörend waren der Jubel der Gäste und das Geschrei der im Hintergrund stehenden Fantasia-Reiter.

Fast unbemerkt verließ Chérif El-Raisuli das noch rauschende Fest, denn Folklore und maurische Musik rundeten das soeben gesehene Spektakel ab. Die Neumanns konnten sich nur mit Mühe in der sich nun auflösenden Menschenmenge, die sich wieder zu kleinen und kleinsten Gruppen formierte, fortbewegen. Sie wollten sich einer Gruppe von guten Bekannten anschließen, die nicht in unmittelbarer Nähe zum Gastgeber Plätze erhalten hatten. Karima bemerkte, dass der ihnen zugewiesene persönliche Butler ihnen folgte, auf Schritt und Tritt, ohne sie auch nur ansatzweise zu bedrängen. Sie drehte sich um und rief dem Butler zu, dass sie seine Dienste nicht mehr benötigten. Der Butler verbeugte sich und war wie vom Erdboden verschwunden. Abends, beim Abendbrot, fragte Karima insbesondere ihrem Vater Löcher in den Bauch. Woher er denn Chérif El-Raisuli kenne, wieso sie eingeladen worden waren, wieso auch sie persönlich auf der Einladungskarte erwähnt wurde, wo er denn wohne, was er denn beruflich genau mache.

Karimas Vater beantwortete so gut wie möglich alle Fragen, die Antworten interessierten auch Karimas Mutter sehr. Er kannte vom Hörensagen diesen Mann, wusste aber nur wenig über ihn. Das Ereignis des Tages fand erst Ruhe, als sie alle übermüdet ins Bett fielen.

Für Karima war es reiner Zufall, für Chérif El-Raisuli mehr eine Fügung des Schicksals, als sie sich in der Altstadt wiedersahen. Karima wollte sich nach einem Wandteppich umschauen, den sie ihrer Mutter schenken wollte. Sie traf Chérif El-Raisuli in einem Basar. Er selbst suchte nach Teppichen in Übergröße. Beide freuten sich über das Wiedersehen und begrüßten sich so herzlich, als ob sie sich schon einige Zeit gut kennen würden.

Der Basarchef lud beide zu einem Tee ein und servierte dazu in Zimt gebadete geschälte Orangenscheiben. Sie saßen in einem gewaltigen Nebenraum, in dem die farbenfrohen Teppiche von den Wänden hingen. Sie waren allein und unterhielten sich über arabische und europäische Kunst und die Weltreligionen und deren Miteinander. Sie fühlte sich in seiner Gegenwart sehr wohl und genoss die Aufmerksamkeit, die er ihr schenkte. Er wollte viel von ihr wissen, wie sie allgemein über die Dinge des Lebens denkt, wie sie sich als Deutsche in Marokko fühlt und wie sie ihr weiteres Leben gestalten will. Sie erzählte ihm alle ihre Absichten für die nächste Zeit. Sie war ein wenig irritiert, als sie merkte, dass er sich über ihre Entscheidung, in den nächsten zwei Monaten nicht nach Deutschland zurückzukehren, erfreute.

Karima wurden die schönsten Wandteppiche gezeigt. Der Basarchef ließ auch noch aus dem naheliegenden Lager mehrere Prachtexemplare holen. Vor dieser Auswahl musste sie scheitern. Aber ein Basarchef, der einen Kunden hinausgehen lässt, ohne dass dieser etwas gekauft hat, ist kein guter Basarchef. Daher vereinbarte er mit Karima, dass er ihr morgen gleich mehrere Teppiche zur Auswahl bringen werde. Natürlich müsse sie sich nicht verpflichtet fühlen, etwas zu kaufen. Aber wenn ihr ein Teppich besonders gefiele, sollte sie ihn gleich dortbehalten. Über den Preis werde man sich schon einig. Zwei Tage später verhandelte sie mit dem Basarchef und wunderte sich, wie schnell sie sich doch über einen angemessenen Preis einig wurden.

Schon an der Universität hatte Karima von Gourrama gehört. Eine kleine, aber allen Geologen bekannte Stadt in Marokko. Sie liegt im östlichen Teil des Hohen Atlas, am Ausläufer des 2640 Meter hohen Bergmassivs Ait Serhouchen. Von dort kommen die besten Quarze, die Marokko vorweisen kann und die in aller Welt sehr begehrt sind. Die dort ebenfalls vorkommenden Siderite sind perfekt und nicht weniger begehrt.

Sie wollte die Gegend um Gourrama im Rahmen einer Exkursion untersuchen und prüfen, ob sie nicht über dieses mineralreiche Gebiet ihre Doktorarbeit schreiben könnte. Entsprechende Vorgespräche hatte sie bereits mit einem potentiellen weil interessierten Doktorvater in Köln geführt. Sie wollte diese Exkursion aber alleine durchführen, um völlig unabhängig zu sein. Sie wollte selbst entscheiden, wann, wo und wie lange sie arbeitet. Sie wollte nicht von unzähligen und anderslautenden Meinungen oder guten Ratschlägen übersät werden. Sie wollte zumindest diese erste Erkundung alleine gestalten und bewerkstelligen, und von dieser Entscheidung würde sie keiner abbringen!

Karimas Vater hatte es nach wenigen Tagen aufgegeben, immer wieder die Gründe aufzuzählen, die für eine begleitete Exkursion sprachen. Er kannte seine Tochter. Offenbar hatte sie seine Sturheit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit geerbt. Es blieb ihm nur übrig, die Modalitäten der Exkursion durch Überzeugung mitzubestimmen, was ihm auch gelang. Karima hatte sein Angebot, sie bis nach Ouarzazate durch einen Freund fliegen zu lassen, angenommen. So hätte sie zumindest schon einmal die eher unangenehme Fahrt von Marrakesch nach Ouarzazate gespart. Dort sollte sie dann einen Geländewagen der Dependance der eigenen Firma nehmen und nach Gourrama fahren. Eine „Höllentour“, wie er sich ausdrückte.

Der Flug war angenehm und kurzweilig. Die ganze Region von oben zu sehen war für Karima berauschend, konnte sie doch die unterschiedlichen geologischen Formationen einordnen und verstehen. Der Freund ihres Vaters begleitete sie noch im Taxi bis ins Hotel Berbere Palace. In der Empfangshalle wartete bereits ein Mitarbeiter ihres Vaters und übergab ihr die Wagenschlüssel. Sein Angebot, das Fahrzeug zu erklären, lehnte sie ab. Mit Geländefahrzeugen war sie vertraut. Karima war aber auch eine Genießerin. Sie hatte das Angebot ihrer Eltern gerne angenommen, vor der Exkursion noch einige Tage im Berbere Palace zu verweilen. Die Gäste des bekannten Hotels ließen sich gerne durch die Architektur des Hauses und des Gartens mit seinen nach Rosen und Jasmin duftenden Alleen und durch die gastronomische Vielfalt, die keine Wünsche offenließen, verzaubern.

Abends ließ sie sich eine B´stilla zubereiten, ihr Lieblingsgericht. Sie durfte selbst beim Chefkoch die Einzelheiten bestimmen und so orderte sie eine B´stilla mit Hühnerfleisch mit nur zwölf dünnen Teiglagen. Der Chefkoch zeigte hierfür geschauspielert kein Verständnis, denn seine B´stillas hätten doch immer über dreißig Lagen und würden mit Taubenfleisch gefüllt! Aber Karimas blaue Augen seien ihm Befehl, und er würde ihr die schönste B´stilla zubereiten, die sie je gegessen habe.

Am nächsten Morgen kaufte Karima noch fünf Khaki-Hosen und zehn kurzärmelige Hemden, ihre Ausstattung an Arbeitskleidung. Mit mehr wollte sie sich auch nicht belasten, denn mehr brauchte sie für das Klettern nicht. Der Wagen war vollgetankt, ein voller Reservekanister lag im Kofferraum. Es war schon am frühen Morgen sehr warm, und für die lange Autofahrt hatte sich Karima entsprechend luftig angezogen. Ihre sehr knappen Shorts und das weite T-Shirt sollten für einen schnellen Ausgleich sorgen, denn schwitzen wollte sie während der Fahrt nicht. Sie fuhr schon gut zwei Stunden, als der morgendliche Frühstückskaffee sich meldete. Sie hielt an einer Ansammlung von Büschen und Bäumen an, stellte den Motor ab und begab sich in ein Gebüsch. Als sie den Motor wieder starten wollte, gab es eine kleine Verpuffung und ein Zischen. Sie stellte die Zündung aus und machte die Motorhaube auf. Es war nichts zu sehen, alles schien in Ordnung zu sein. Bei offener Motorhaube versuchte sie den Motor erneut zu starten, aber nichts tat sich mehr. Auch die weiteren Versuche scheiterten.

Bis zu diesem Halt kamen ihr nur wenige Fahrzeuge entgegen, was sicherlich auf den Wochentag zurückzuführen war. Es war Sonntag. Sie musste somit den nächsten Wagen anhalten und um Hilfe bitten. Weit und breit aber war kein sich nähernder Wagen zu sehen oder zu hören. Was sie aber sah waren zwei Männer, die von einem Hügel herunter in ihre Richtung gingen. Sie hielten ein paar Mal an, berieten sich und gingen dann aber keines eiligen Schrittes weiter. Karima wurde die Situation unheimlich. Und wieder kamen die Männer näher. Jetzt bemerkte sie, dass sie sehr freizügig gekleidet war und begann, die Absicht der zwei Männer zu erkennen. Die Angst ersetzte nun ihr anfängliche Unbehagen. Sie musste fliehen, aber sie konnte nicht. Sie stieg in den Wagen und versuchte, den Motor erneut zu starten. Die Männer blieben erneut stehen. Der Motor startete nicht. Nichts ging mehr. Auch die Türen des Geländewagens konnten nicht mehr abgeschlossen werden, was sie mit Entsetzen feststellte. Die Männer setzten sich wieder in Bewegung und kamen immer näher, nunmehr zynisch grinsend. Karima überlegte panikartig, was sie machen sollte: im Wagen bleiben oder draußen vor dem Wagen stehen? Sie entschied sich für Letzteres und rief den nur noch wenige Schritte von ihr entfernten Männern zu, sie müssten nicht helfen, ihr Vater sei mit einem anderen Wagen schon unterwegs und hätte eigentlich schon da sein müssen. Und wieder berieten sich die Männer. Einer von ihnen öffnete seinen Gürtel und ging auf den Wagen zu. Der andere holte eine Kordel aus seiner Hosentasche und ging eiligen Schrittes auf die andere Wagenseite zu. Sein Gesichtsausdruck zeigte Entschiedenheit.

Ein Brummen ging durch Karimas Kopf, denn sie wusste, was nun passieren würde. Das Brummen wurde lauter und lauter und ihr Kopf schien zu platzen. Ihre Angst paralysierte sie völlig. Das Brummen wurde so laut, dass sie aus ihrer Lähmung erwachte und nunmehr das Brummen als Geräusch wahrnahm. Die Männer hielten kurz vor Karima inne und starrten auf die zwei schwarzen Geländewagen, die mit großer Geschwindigkeit auf sie zukamen. Die Fahrzeuge wurden zwar langsamer, schienen aber nicht anhalten zu wollen. Der erste Wagen fuhr an Karima vorbei und legte dann aber eine Vollbremsung ein. Der zweite Wagen hielt noch hinter Karimas Wagen. Sie wusste nicht, wohin sie sehen sollte. Zu dem ersten Wagen rechts von ihr, zu dem anderen Wagen links von ihr, zu den zwei Männern? Nichts tat sich, nichts rührte sich. Die Situation war für sie nicht mehr rational zu erfassen. Die zwei Männer standen wie angewurzelt und unbeweglich da, auf die schwarzen Wagen starrend. Sekunden vergingen, für Karima aber eine unendliche Zeit. Sie wusste immer noch nicht, ob nun Hilfe gekommen war oder die ganze Situation noch brenzliger für sie werden würde. Wer waren die Insassen der zwei schweren Geländewagen?

Plötzlich ging die Beifahrertür des ersten Wagens auf und ein in einem schwarzen Anzug gekleideter Marokkaner stieg aus, ein Gewehr in der Hand. Er zielte auf die zwei Männer und befahl diesen, sich auf den Boden zu legen. Nun öffnete sich die hintere Tür und ein weiterer, ebenso gekleideter Marokkaner stieg aus und ging auf Karima zu.

»Haben Sie keine Angst. Wir haben die Situation im Griff. Es wird Ihnen nichts passieren. Was ist hier los?«

»Ich habe eine Autopanne. Der Motor springt nicht mehr an. Und die zwei Männer hatten wohl die Absicht, mir etwas antun zu wollen«, erwiderte sie etwas erleichtert, denn sie war nicht mehr alleine und die Situation hatte sich völlig verändert. Zwar wusste sie nicht, wer nun diese Männer in schwarzen Anzügen waren, aber die teuren Geländewagen ließen nicht den Schluss zu, dass sie noch bangen musste, vergewaltigt zu werden.

Der Marokkaner setzte sich in Karimas Wagen und versuchte den Motor zu starten, jedoch ohne Erfolg. Er ging zu dem hinteren Wagen und sprach durch den dünnen Schlitz am hinteren Fenster. Er nickte und kam auf Karima zu.

»Der Mahdi bietet Ihnen an, Sie mitzunehmen und in seinen Mauern auf die Reparatur Ihres Wagens zu warten. Wir werden den Wagen bewachen, bis er abgeschleppt wird. In unserer Werkstatt wird Ihr Wagen repariert werden können. Sodann könnten Sie Ihren Weg fortsetzen.«

Sie war so entzückt, nicht nur von der Hilfsbereitschaft dieser Leute, dass sie die Nuance »sie könnte« nicht vernahm. Sie war beschäftigt mit der Frage, wieso er seinen Auftraggeber Mahdi nannte, den „von Gott Geleiteten“. Irgendwie gewann sie wieder ein Gefühl der Sicherheit, denn der „von Gott Geleitete“ würde doch nicht zulassen können, dass ihr etwas zustößt. Der stämmige Marokkaner mit dem Gewehr blieb an Karimas Wagen angelehnt, immer die zwei potentiellen Übeltäter streng im Blick haltend.

Ihr Gesprächspartner holte ihre persönlichen Sachen aus dem Kofferraum und verstaute diese im ersten Fahrzeug. Dort durfte Karima auf der Rückbank Platz nehmen, denn vorne saß nun ihr Gesprächspartner, mit einem Gewehr auf dem Schoß. Nach einer knappen Stunde, in der keiner der Insassen sprach, erreichten sie das Ziel. Von der Straße aus konnte sie nichts erkennen, die Mauern waren zu hoch. Offenbar gab es nur eine Haupteinfahrt. Vier schwer bewaffnete Wächter äußerst dunkler Hautfarbe ließen den ersten Wagen passieren und verbeugten sich noch, bevor der zweite Wagen an ihnen vorbeifuhr. »Der von Gott Geleitete« dachte Karima und ertappte sich dabei, ein wenig zu spöttisch gedacht zu haben, war es doch er, der sie gerettet hatte. Der Wagen fuhr durch einen dichten Palmenhain und plötzlich verschloss es Karima die Augen. Eine riesige quadratisch angelegte maurische Burg aus Sandstein, mit aus jeweils fünf Ebenen bestehenden runden Ecktürmen, die miteinander durch aus drei Ebenen bestehende breite Trakte verbunden waren. Sie bemerkte, wie der zweite Wagen links vorbei und um die Ecke fuhr. Der Wagen, in dem sie saß, fuhr um die rechte Ecke und hielt sogleich neben einer breiten zweiflügeligen Eingangstür aus dickem Holz. Der Beifahrer stieg aus, holte ihre Taschen aus dem Wagen und übergab sie einem an der Holztür wartenden jungen Burschen, der in dem bis zu den Knöcheln reichenden blauen Kaftan sehr gekleidet aussah.

»Ich heiße Sie willkommen. Mein Name ist Ali und ich bin Ihr persönlicher Diener. Sie sollen den Turmbereich ganz oben bekommen. Er hat den schönsten Ausblick. Wir nennen hier den persönlichen Rückzugsraum „Bereich“, und nicht Zimmer. Ich bringe Ihnen gleich Wasser und Orangen. Haben Sie einen Wunsch? Ich bringe Ihnen alles, was Sie wollen. Bitte achten Sie auf die Sterne, die wir auf unserer Kleidung tragen. Einen Stern tragen die Diener, zwei Sterne tragen die Vorgesetzten und drei Sterne tragen nur die Palastwächter. Die sind ganz gefährlich.«

»Halt!«, sagte Karima energisch, denn sie hatte schnell bemerkt, dass „ihr“ Diener sehr nervös, wenn nicht ängstlich war und deshalb ununterbrochen redete. »Zeige mir bitte meinen Bereich. Alles andere wird sich dann ergeben! Und sprich nur, um Fragen zu stellen oder auf meine zu antworten!«

Die größte Fläche ihres Bereiches nahm das in der Mitte stehende überbreite Himmelbett ein. Links daneben eine einladende kleine Sitzecke, von der man ebenfalls durch die tiefen Fenster auf den riesigen Garten im Inneren schauen konnte. Rechts befand sich das voll ausgestattete Badezimmer. Karima nahm ein Bad und rieb sich mit Rosenöl ein. Kaum hatte sie sich etwas geschminkt, klopfte es an der Tür. Ali überreichte ihr eine Kanne mit frisch gepresstem Orangensaft und teilte ihr mit, dass der Mahdi sie zu sprechen wünschte. Sie trank noch ein volles Glas Orangensaft und folgte ihrem Diener aufmerksam durch die langen Gänge und unzähligen Türen. Ali blieb vor einer riesigen Holztür stehen, in der eine kleinere, aber immer noch imposante Tür eingelassen war. Er klopfte diskret, es klang aber, als ob er gegen die Tür geschlagen hätte. Er zuckte zusammen, öffnete die kleinere Tür und bat Karima einzutreten. Sie trat ein und befand sich in einem riesigen Konferenzraum, in dem in der Mitte ein Tisch mit Sesseln für zwanzig Personen stand. Der ganze Raum war mit einer Bibliothek ausgekleidet, in der tausende von Werken standen. Das ganze Mobiliar war aus echtem Mahagoni. Im hinteren Bereich des Raumes stand ein enormer ovaler Schreibtisch, hinter dem der Mahdi saß. Sie erkannte ihn sofort, schreckte dabei auf und zitterte am ganzen Körper. Es war Chérif El-Raisuli! Er kam um den Schreibtisch herum und begrüßte Karima sehr freundlich. Sein Lächeln war – wie immer charmant, seine Ausstrahlung ließ keinen Zweifel offen, dass man sich in seiner Gegenwart sicher und geborgen fühlen konnte.

»Karima. Darf ich Sie so nennen?«, fragte er mit einer tiefen, aber angenehmen Stimme.

»Ja, natürlich!«, antwortete Karima noch benommen. Er forderte sie auf, doch an der Stirnseite des Tisches Platz zu nehmen. Sie hatte einen Blick über den ganzen langen Tisch und wusste erst nach dem Gespräch, dass es die Absicht von Chérif El-Raisuli war, sie dort Platz nehmen zu lassen. Er hatte ihr viel zu sagen, ihr Nachdenken sollte nicht durch umherschweifende Blicke gestört werden. Ihre auf die lange und breitflächige Tischplatte ruhenden Blicke halfen ungemein, konzentriert und wachsam die Worte Chérif El-Raisulis aufzunehmen. Er selbst setzte sich nicht, sondern blieb hinter Karima stehen und legte seine Hände auf ihre Schultern. Sie schauderte und spürte eine ihr bislang unbekannte Erregung aufsteigen.

»Karima! Ich bin froh, dass Sie heil und gesund sind. Ich bin froh, dass Sie hier sind, denn ich habe Ihnen viel zu sagen und ja, ich muss Ihnen auch einiges gestehen.«

»Ich danke Ihnen von ganzem Herzen, dass Sie mich gerettet haben und mich hier so freundlich aufnehmen. Sie hätten mich auch in ein Hotel nach Gourrama bringen lassen können. Aber ich muss Ihnen gestehen: Ich bin sehr gerne hier, Chérif El-Raisuli.«

»Karima, nennen Sie mich bitte Khaled. Nur um einen Gefallen möchte ich Sie bitten. Unsere Sitten verbieten es, dass wir uns duzen, zumal wir noch Fremde sind. Es muss somit, was auch immer geschehen mag, beim Sie bleiben. Können Sie mir versprechen, dass Sie diese Abmachung einhalten?«

»Erlauben Sie mir zunächst, dass ich Ihnen beim ersten Aussprechen Ihres Vornamens in die Augen schaue?«

»Ja, natürlich, warum nicht?«

Karima drehte ihren Kopf und schaute ihm in die Augen.

»Khaled«, sagte sie mit leicht vibrierender Stimme und verstand dabei ihre Gefühle nicht mehr. »War da ein Funke an Zuneigung in ihren Worten zu erkennen?«, fragte sie sich spontan.

»Khaled, ich verspreche es Ihnen.«

»Meine liebe Karima, als Erstes möchte ich Ihnen Folgendes erklären. Meine Mutter ist vor vier Tagen gestorben. Ich habe sie in den letzten Tagen vor ihrem Tode regelmäßig besucht und habe Stunden an ihrem Bett gesessen. Meine Mutter war noch vollgeistig bei Sinnen, nur die vielen und starken Schmerztabletten trübten ihr Allgemeinbefinden. Um der Traurigkeit für kurze Zeit zu entgehen, bin ich immer auf die große Dachterrasse gegangen. Mein Mutterhaus liegt genau gegenüber vom Hammam, den Sie besucht haben, und so konnte ich Sie von der Dachterrasse aus beim Betreten des Hammams beobachten. Ich gebe gerne zu, dass sich meine Besuche bei meiner Mutter häuften und ich den Wunsch hatte, auf die Dachterrasse zu steigen, und die Hoffnung hatte, Sie wiederzusehen. Vielleicht ist mein Verhalten kindisch, aber ich wollte Sie wiedersehen.«

Chérif El-Raisuli setzte sich neben Karima und nahm ihre Hände.

»Karima, ich hatte den Wunsch, Sie wiederzusehen, und habe über die Angestellte im Hammam mehr über Sie erfahren. Ich bitte Sie, mir zu vergeben, dass ich Ihnen hinterherspioniert habe und Erkundigungen über Sie eingeholt habe. Aber bitte verstehen Sie mich: Ich musste wissen, wie ich Sie kontaktieren könnte.«

Sie wusste nicht, wie sie diese Worte einordnen sollte. Das war doch eben eine Liebeserklärung, die sie vernommen hatte, oder nicht? Was meint ein so wichtiger Mann bei solch einer Erklärung? Karima sah ihn an, er hielt ihrem Blick stand.

»Haben Sie deshalb meine Eltern und mich zu der FANTASIA eingeladen, Khaled?«, fragte sie herausfordernd.

»Nachdem ich wusste, dass Ihre Eltern ohnehin eingeladen werden würden, habe ich Order gegeben, die Einladungskarte mit Ihrem Namen zu ergänzen. Ja, ich wollte Sie offiziell kennen lernen.«

»Und warum, Khaled?«

»Karima, ich bin kein Mann, der lange um den heißen Brei herumredet. Ich habe Sie gesehen und auch wiedergesehen. Ich musste danach immer wieder an Sie denken. Ich musste mir daher Klarheit verschaffen, was ich will und was mir meine Gefühle sagen wollen. Und wenn ich das weiß, dann werde ich es Ihnen sagen und Ihre Meinung dazu mit großer Erwartung hören. Wenn der Zufall es nicht gewollt hätte, dass wir uns wie jetzt wieder begegnen, dann hätte ich Wege gefunden, Sie in Marrakesch zu treffen.«

Sie erhob sich und Chérif El-Raisuli stand gleich auf. Sie sagte ihm, dass sie das Gehörte erst mal verdauen und darüber nachdenken müsse. Sie würde sich jetzt gerne zurückziehen wollen.

»Karima, ich komme heute Abend zu Ihnen und hole Sie zum Essen ab.«

»Ich freue mich!«, sagte sie, stellte sich auf die Zehenspitzen und gab Chérif El-Raisuli einen kurzen Kuss. Seine Lippen schmeckten süß.

Kaum war sie unter Führung ihres Dieners in ihren Bereich zurückgekehrt, hörte sie draußen Stimmen und Motorgeräusche. Sie schaute aus einem Fenster und sah einen Abschleppwagen, der ihren Geländewagen am Haken hatte. Ein Mechaniker leitete den Abschleppwagen in eine Halle in dem hinteren Verbindungsgebäude.

Sie versuchte, das Geschehene einzuordnen. Was hatte das alles zu bedeuten? Hatte sie seine Worte richtig verstanden, seine Absichten eventuell falsch gedeutet? Und was sie erschreckte, war allein ihre eigene Reaktion. Wieso hat sie sich bei ihm mit einem Kuss verabschiedet, mit einem Kuss auf den Mund? Was passierte hier eigentlich? Karima schmiss sich auf das Bett und schlief wenige Sekunden später ein. Das was sie bislang an diesem Tage erlebt hatte, war reichlich und genug.

Die Sonne schien noch am Horizont, als Chérif El-Raisuli leise an ihrer Tür klopfte. Karima hatte sich herausgeputzt und sah einem Engel ähnlich. Ihr Diener hatte ihr einen eher durchsichtigen weißen Kaftan mit goldenen Ornamenten auf einen Stuhl gelegt. Ihr rotes Minihöschen schimmerte durch, mehr trug sie nicht darunter. Sie öffnete die Tür und Chérif El-Raisuli trat hinein, eine Flasche Champagner in der einen Hand, zwei Champagnergläser in der anderen. Bei ihrem Anblick blieb er stehen und sagte nichts. Nur seine Augen schienen zu verraten, was in ihm vorging.

Er öffnete die Flasche und schenkte gekonnt, ohne auch nur einen Tropfen daneben zu vergießen, die zwei Gläser halbvoll.

»Karima, ich bin geblendet. Aber nicht die Sonne blendet mich!«

Sie ging auf ihn zu und nahm das Glas, das er ihr entgegenreichte. Beide hoben die Gläser diskret hoch und tranken einen Schluck. Dann nahm er sie an die Hand und führte sie hinaus. Karima war etwas erschrocken, hatte sie diesen Fortgang nicht so erwartet. Chérif El-Raisuli ging mit ihr durch den Garten und erst jetzt stellte sie fest, wie weitläufig dieser war. Die vielen Arganölbäume fielen ihr gleich auf, waren es doch diese kostbaren Bäume, die einem Großteil der Bevölkerung im Süden Marokkos eine Existenz mit der Produktion des wirkungsstarken Arganöls, das auch das „Gold von Marokko“ genannt wird, sicherten. Unter einem hohen gelb blühenden Eukalyptusbaum stand ein weit geöffnetes Zelt. Sie erkannte, dass kein Tisch und keine Stühle vorhanden waren. Allein bunte und lange Sitzkissen auf mehreren, kreuz und quer aufeinandergelegten Teppichen vermittelten dem Ganzen ein unglaublich romantisches Flair.

Sie speisten fürstlich. Die Djaja Mahamara aus Huhn, Mandeln, Rosinen und Grieß regte als flüssige Vorkost ihren Appetit richtig an. Die nachfolgende Tajine aus Ochsenfleisch wurde in einer Schmorpfanne zusammen mit Gemüse, Pflaumen und Mandeln direkt vor ihnen zubereitet und mit Zimt abgeschmeckt. Die Keftabällchen ließen sie diskret ausfallen, denn der Knoblauch passte offenbar nicht in ihr jeweils geheimes Konzept der beginnenden Nacht. Das Méchoui aus fein gebratenem Lamm beendete den Schmaus. Sie tranken viel Wasser und zum Abschluss noch einen Pfefferminztee. Während der ganzen Zeremonie kamen sie sich körperlich immer näher, und sie spürte durch den dünnen Kaftan seine suchenden Hände, die immer mehr verlangten und immer mehr bekamen.

Chérif El-Raisuli begleitete sie zurück. Vor der Tür nahm er sie um die Taille und presste sie an sich. Er küsste sie fordernd und sie gab sich dem leidenschaftlich hin. Er sah ihr in die Augen und sagte nur noch »Schlaf gut, mein Engel.«

Es klopfte leise an ihrer Tür und ihr Diener fragte, ob er das Frühstück servieren könne. Karima stieg aus dem Bett und begab sich ins Badezimmer. Der Diener durfte den Bereich betreten, bereitete das Frühstück vor und entfernte sich. Chérif El-Raisuli kam hinein und Karima stand nackt im Türrahmen zum Bad. Sie ging auf ihn zu und umarmte ihn. Er küsste sie wie zuvor und sie merkte, dass er sie haben wollte, aber auch sie spürte ihr Verlangen, endlich von ihm genommen zu werden. Chérif El-Raisuli hob sie hoch und setzte sie aufs Bett. Er gab ihr einen Brief und entfernte sich ohne ein Wort zu sagen. Sie hatte sein leichtes Verbeugen ihr gegenüber bemerkt und wusste, dass dies ein Zeichen höchsten Respekts war. Sie öffnete hastig den Umschlag und las.

Karima!

Wenn der Blick in die Zukunft

dir schwerfällt,

wenn dir bange ist vor jedem Schritt,

dann soll sich dein Herz

nicht erschrecken!

Du darfst glauben,

ich gehe mit dir und ich bin bei dir.

Khaled

Karima wurde durch das Klopfen an der Tür aus der Welt der Träume gerissen. Sie machte die Tür auf und erkannte den Generalsekretär, der sie und ihre Eltern bei der Fantasia begrüßt hatte, sofort wieder.

»Fräulein Neumann, der Mahdi lässt sich für die nächsten drei Tage entschuldigen. Er muss eine Konferenz vorbereiten, die hier ab morgen für zwei Tage stattfindet und die er leitet. Wenn Sie einen Wunsch haben, Ihr Diener wird Ihnen diesen erfüllen. Er wird Ihnen alles bringen und Sie führen, wohin Sie wollen. Im Notfall können Sie jederzeit irgendeinen der Wächter ansprechen. Es wird Ihnen geholfen werden. Der Mahdi wünscht Ihnen einen schönen Tag. Ich darf mich diesen Wünschen anschließen.«

Karima bat den Diener, sie zur Werkstatt zu führen. Ihr Geländewagen stand in der Mitte des Raumes, so proper und glänzend wie nie zuvor. Zwei Mechaniker kamen auf sie zu und erklärten ihr, dass das Hauptkabel zur Zündspule einen Riss hatte und die gesamte Elektrik zum Erliegen gebracht habe. Es sei aber alles repariert und sie könne ohne jegliche Bedenken mit dem Wagen fahren.

Sie packte ein paar Sachen zusammen. Ihr Ziel waren die Salzbrunnen von Gourrama. Sie war gespannt, was für geologische Entdeckungen sie am ersten Tag ihrer Erkenntnisreise machen würde. Sie versuchte, sich auf das zu konzentrieren, was Grund ihrer Reise war. Es war und blieb aber nur ein Versuch.

Kapitel 5: DIE DREI NEINS

Chérif El-Raisulis Konferenzteilnehmer kamen überwiegend per Hubschrauber aus Rabat und Casablanca angeflogen. Die Landestelle mit dem überdimensionalen, von oben aber gut erkennbaren weißen „H“ war nur wenige hundert Meter von der Burg entfernt, auf einem Rasenplatz so groß wie ein Fußballplatz. So konnte das Aufwirbeln des Sandes vermieden werden.

Nachmittags um vierzehn Uhr begrüßte Chérif El-Raisuli seine Gäste im Konferenzzimmer. Es waren sehr hochgestellte und einflussreiche Politiker oder Aktivisten, vier aus Israel und je zwei aus Ägypten, Saudi-Arabien, Oman, Katar, Iran, Irak, Libyen, Syrien, Libanon und Palästina. Der König von Marokko hatte die Durchführung dieser streng geheimen Konferenz durch Chérif El-Raisuli genehmigt und zugestimmt, dass alle Teilnehmer sich inoffiziell in Marokko aufhalten dürften.

1. Konferenztag

»Meine Herren, ich begrüße Sie hier in meinen einfachen Gemäuern. Diese Mauern werden nichts, aber auch gar nichts von dem preisgeben, was wir während dieser Konferenz besprechen und – wie ich hoffe – auch entscheiden werden. Ich bitte daher um Verständnis, dass – wie besprochen – die gesamte Burg mit Störsendern versehen wurde, damit kein Telefonat oder Funkspruch abgesetzt werden kann. Sie alle hatten diesen Vorsichtsmaßnahmen zugestimmt. Auch bitte ich um Verständnis, dass die mitgebrachten Bussarde unserer saudi-arabischen Freunde in die Obhut meiner Tierpfleger gegeben werden. Es wäre sehr schade, würden diese Tiere abgeschossen werden.«

Natürlich hatten alle Teilnehmer verstanden, dass auch diese Möglichkeit des Sendens einer Nachricht nicht mehr möglich war.

Chérif El-Raisuli stand an der breiten Seite des Tisches, mit dem Rücken zum Fenster. Die Sonne schien hinein, und seine ihm gegenüber sitzenden Gäste sahen ihn geblendet wie im Schein einer Aureole. Er holte erneut tief Luft.

»Lösen wir uns in diesen Tagen von jeglichen Empfindungen zu unseren eigenen Nationalitäten und Religionen. Nur dann, aber auch nur dann haben wir eine Chance, dem von uns anvisierten Ziel näher zu kommen. Das Nein zur Anerkennung Israels, das Nein zum Frieden mit Israel und das Nein zu Verhandlungen mit Israel, diese drei Neins, das Tripel-Veto der arabischen Gipfelkonferenz in Khartum im Jahr 1967 hat unseren allen Ländern nur Tod, Elend und Not gebracht. Der ganze Nahe Osten ist instabil, politisch wie wirtschaftlich. Seit noch viel früher, seit dem „Fatah-Tag“ am 1. Januar 1965, mit diesem Tag des organisierten bewaffneten Kampfes gegen Israel haben wir die Zeichen einer dauerhaften Destabilisierung gesetzt.«

Chérif El-Raisuli setzte sich und ließ seine Worte wirken. Seine geistige Anspannung war nicht zu übersehen. Sie ging auf die übrigen Teilnehmer über und alle waren sich des Problems voll bewusst. Es war diese unüberwindliche Versagung der Anerkennung einer Verbindung zwischen nationaler und religiöser Identität des Staates Israel, die eine Zwei-Staaten-Lösung nicht zuließ. Aktionen wie die 1993 von Jassir Arafat verkündete Anerkennung des Existenzrechts Israels vermögen daran nichts zu ändern. Eine „völlige Normalisierung“, wie sie anschließend von Saudi-Arabien anlässlich des Gipfels der Arabischen Liga in Beirut initiativ gefordert wurde, wäre ein erster Schritt hin zu einer Lösung, würde man die unterschiedlichen insbesondere wirtschaftlichen Interessen der zwei großen Lager, Jordanien, Ägypten und Saudi-Arabien einerseits sowie Syrien und Libanon andererseits außer Betracht lassen. Gerade Syrien und Libanon hätten arge Probleme, würde der beide Staaten einigende Feind Israel wegfallen und stattdessen die Rolle eines Garanten für die innere Stabilität einnehmen.

Einer der Delegierten Israels stand auf und beendete damit die Reflexion. Seine Stimme klang versöhnlich.

»Meine Herren, lassen Sie mich auf die Anfänge, die uns hier interessieren, eingehen. Vielleicht finden wir einen realistischen, einen gemeinsamen Punkt, an dem wir anknüpfen könnten. Palästina gibt es seit dem 2. Jahrhundert und seitdem ist dieses Gebiet ein Zankapfel. Erst 1947 beschlossen die Vereinten Nationen die Teilung des damals britischen Mandatsgebietes in einen arabischen und einen jüdischen Staat. Hätten alle arabischen Staaten damals die Teilung anerkannt, würden heute im Libanon und in Palästina wirtschaftlich paradiesische Verhältnisse herrschen. Die Staatsgründung Israels wurde aber seitens der arabischen Staaten mit Krieg beantwortet. Die erste palästinensische Regierung – erlauben Sie mir, diese als noch in der Gründung befindliche zu bezeichnen – beanspruchte aber das gesamte Gebiet. Mangels internationaler Anerkennung dieser ersten Regierung beschlossen die Vereinten Nationen das unabdingbare Rückkehrrecht für alle palästinensischen Flüchtlinge in ihre Ursprungsdörfer im neugegründeten Israel. Und seitdem haben wir das ungelöste Problem der Flüchtlinge.«

»Der Ansatz ist gut!«, sagte der Vertreter Ägyptens. »Auch wir haben zu dieser Zeit Fehler gemacht, denken Sie nur an die Verstaatlichung des Suezkanals. Damit aber nicht genug: Elf Jahre später sperrten wir den Golf von Akaba für den Schiffsverkehr von und nach Israel und vereinten in unbegrenzter, ja vielleicht blinder Kampfeslust unsere Glaubensbrüder aus Jordanien und Syrien entlang der Grenze zu Israel. Die kriegerischen Auseinansetzungen dauerten zwar nur sechs Tage, die Ihnen alle bekannten Folgen wirken aber noch heute. Eine erste offizielle Anerkennung einer palästinensischen Vertretung hatten wir dann 1974 anlässlich der arabischen Gipfelkonferenz in der Hauptstadt Ihres schönes Landes, Chérif El-Raisuli, und durch die anschließende Anerkennung eines Beobachterstatus der Palästinensischen Befreiungsorganisation durch die Vereinten Nationen.«

Chérif El-Raisuli begrüßte den historischen, die wesentlichen Fakten in Erinnerung bringenden Rückblick und schlug vor, den Konferenztag mit dem bislang erreichten Pensum zu beenden. Morgen möge der Tag des Vortrages der Lösungsvorschläge sein.

An dem Abend blieb es in der Burg still. Die Konferenzteilnehmer hatten alle Hände voll zu tun, denn jeder hatte seinen Vortrag zu aktualisieren. Jeder wollte vortragen. Sie arbeiteten bis tief in die Nacht hinein, ihre Diener hatten ihnen das Abendmahl direkt serviert.

Chérif El-Raisuli klopfte an Karimas Tür und ging ohne abzuwarten hinein. Karima sprang vom Bett auf und legte sich in seine offenen Arme. Sie seufzte und sah ihn an.

»Sie sind müde, Khaled, sehr müde.«

»Der heutige Tag reicht. Ich werde gleich noch arbeiten müssen. Ich wollte Sie nur sehen und Ihnen eine gute Nacht wünschen, Karima. Haben Sie einen schönen Tag gehabt? Fehlt Ihnen etwas?«

»Ja, Khaled, Sie! Können Sie noch bleiben?«

»Nein, mein Engel! Ich muss jetzt gehen.«

»Khaled, ich habe noch zwei Fragen. Darf ich Ihnen diese jetzt stellen? Es ist wichtig für mich, denn die Nacht ist lang und zu lang, um ohne Antworten bleiben zu können.«

»Stellen Sie mir die Fragen, Karima, ich werde sie beantworten.«

»Warum nennt man Sie hier Mahdi?«

»All die vielen Leute, denen ich hier Arbeit und Wohlergehen gebe, denen von mir eine medizinische Versorgung garantiert wird und die zu mir kommen, um Streitigkeiten zu klären, all diese Menschen erachten meine Meinung und meine Stimme als die des von Gott Rechtgeleiteten. Und nun zu Ihrer zweiten Frage, Karima.«

»Wo ist Ihre Frau? Ich möchte sie sehen!« Chérif El-Raisuli zuckte zusammen, hatte er doch diese Frage nicht erwartet. Noch viel mehr irritierte ihn aber die von Karima unmissverständliche Forderung, seine Frau sehen zu wollen.

»Karima, was wäre die Konsequenz, was würde aus den uns verbindenden Gefühlen, kämen Sie mit meiner Frau zusammen?«

»Khaled, unsere Beziehung ist jung. Sie kann aber nur dann alt werden, wenn sich ihr nichts in den Weg stellt. Unsere Beziehung kann nur dann leben, wenn wir sie offen und ehrlich, im Einklang mit unserer religiösen Überzeugung eingehen.«

Hatte er sie richtig verstanden? Bedeuteten ihre Worte, dass sie an seiner Seite leben würde und eine Entscheidung, sie oder seine Frau, herbeiführen wollte?

»Kommen Sie, Karima. Kommen Sie, wir gehen zu meiner Frau« waren die Worte, die Karima eigentlich nicht hören wollte, würden sie doch das Ende dieser Liebe bedeuten können. Ihre Gedanken kreisten nur noch um diese Worte.

Chérif El-Raisuli führte Karima quer durch die Burg bis zum äußersten hinteren Ende. Er ließ durch seine Wächter eine Eisentür öffnen und führte Karima aus der Burg hinaus. Vor ihnen lag ein kleiner dichter Wald, Eukalyptus- und Arganölbäume drängten sich sehr dicht aneinander. Plötzlich blieb Karima wie angewurzelt stehen, sie glaubte, ihren Augen nicht trauen zu können. Sie stand vor dem riesigen Mausoleum von Fariduddin Attar. Sie war verwirrt, hatte sie doch noch vor fast zwei Jahren anlässlich einer Studienreise in den Iran das bekannte Werk dort besichtigt.

»Wie kommt das ganze Mausoleum aus Nischapur hierher?«, fragte sie.

»Es ist eine exakte Kopie, eins zu eins, Stein für Stein wurde nachgemacht. Jedes Mosaikbild gleicht in Größe und Farbe dem Original.«

»Khaled, führen Sie mich bitte jetzt zu Ihrer Frau.«

Die Wächter öffneten die gewaltigen Türflügel und sie betraten den Innenraum. Nur das von der offenen Tür eindringende Licht leuchtete den Raum aus. In der Mitte stand ein Sarkophag, wie ihn Karima noch nie gesehen hatte. Kein Prunkdetail hätte hier noch überboten werden können.

»Hier liegt meine Frau! Hier liegt sie seit einem Vierteljahrhundert, und fünf Jahre davor lag sie in einem Mausoleum in der Nähe von Gourrama. Sie war Iranerin und ist bei der Geburt unseres Sohnes Sharif gestorben. Ich hatte sie am Mausoleum in Nischapur kennen gelernt. Dort hatte ich sie das erste Mal gesehen und angesprochen. Und deshalb steht dieses Mausoleum hier. Wir waren damals beide zwanzig Jahre alt. Nach nur zwei Monaten heirateten wir, nach weiteren neun Monaten gebar sie unseren Sohn.«

Schweigend kehrten beide bis zu Karimas Bereich zurück. Schweigend nahm er sie in die Arme, drückte sie behutsam an sich und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Schweigend betrat sie ihren Bereich.

2. Konferenztag

Die ersten vier Vorträge und zahlreiche Wortbeiträge dazu zeigten den allgemeinen Willen zur Erarbeitung von Lösungsansätzen für die Beilegung des Nahostkonfliktes. Sehr deutlich artikulierten sich die Teilnehmer, noch deutlicher erklang die Forderung nach pragmatischen Lösungen. Der Kreis teilte sich in zwei Gruppen. Jede Gruppe sollte am späten Abend ihr auf eine konkrete und brauchbare Lösung ausgerichtetes Arbeitsergebnis vorstellen: Welche konkreten Maßnahmen sind zu initiieren und durchzuführen, welche Umsetzungshindernisse können auftreten und mit welchen Kontrollmechanismen sollen die Schritte bis zur Zielerreichung begleitet werden?

Am Nachmittag trafen sich die Delegierten von Saudi-Arabien und Ägypten zufällig im Garten, das Thermometer zeigte noch 43° C an. Sie begaben sich in das große Zelt und ließen sich Pfefferminztee reichen. Vorsichtig tasteten sie sich im Gespräch vor, konnten nach knapp einer Stunde überwiegend gemeinsame Auffassungen feststellen und vereinbarten, bis zum Abend einen Alternativvorschlag auszuformulieren. Sie waren sich darüber im Klaren, dass im Falle eines Bekanntwerdens des Inhalts ihres Alternativpapiers dieses für sie sehr gefährlich, wenn nicht sogar tödlich sein könnte.

Chérif El-Raisuli eröffnete erneut die Sitzung und bat um eine Entscheidung, ob ein von Saudi-Arabien und Ägypten ausgearbeitetes Konzept vorweggenommen und erörtert werden könne. Er halte einen bilateral ausgearbeiteten Vorschlag für interessant und möglicherweise sehr weiterführend. Er wusste, dass die Delegierten ihm als Gastgeber aus Gründen der Höflichkeit die Zustimmung nicht verweigern würden. Er erteilte dem Sprecher der Untergruppe das Wort.

»Meine Herren, zuviel intelligentes Blabla hat die Weltpolitik zu dem Thema verloren, das uns hier beschäftigt. Es wird stets um den Brei herumgeredet, statt das Kind beim vollen Namen zu nennen. Ich will versuchen, Ihnen mit klaren Worten zu erläutern, wie wir beginnen könnten, den Konflikt zu lösen. Stellen wir uns vor: Die Palästinenser erfahren einen kolossalen wirtschaftlichen Aufschwung. Alle, aber insbesondere die jüngere Generation erhält Arbeit, partizipiert am Aufschwung, erhält konkrete Zukunftsperspektiven, gründet Familien und lebt in Sicherheit in ihrem florierenden Land Palästina. Stellen wir uns vor: Wirtschaftliche Beziehungen nicht nur zu Israel, sondern zu allen anderen Anrainerstaaten lassen die gesamte Region aufblühen. Ist das nicht der Traum aller Palästinenser? Ist das nicht letztlich das Ziel, was ein jeder junger Palästinenser sich auch vom Glauben her wünscht: Eine Frau zu heiraten, Kinder zu bekommen, für sich und seine Kinder Bildungsmöglichkeiten in Anspruch nehmen zu können und für seine Kinder Garant einer friedlichen Zukunft zu sein?

Wenn nun ein politischer Druck aller an dem Konflikt partizipierenden Staaten auf sich selbst und auf die übrigen arabischen und afrikanischen Staaten zu einem Stillstand aller bewaffneten Auseinandersetzungen führt, eine Wirtschaftshilfe von mehreren hundert Milliarden Euro den Aufbau des zerstörten Palästina und für alle Palästinenser eine Zukunftsperspektive sicherstellt, dann – meine Herren – hätten wir den Konflikt anfänglich gelöst.

Meine Herren, es ist nicht unmöglich, politisch dieses Unterfangen umzusetzen. Es ist auch nicht unmöglich, den Frieden in der Region und den Aufbau Palästinas finanziell zu meistern. Es ist auch nicht unmöglich, die Palästinenser und übrigen Araber von diesem für Palästina zukunftsorientierten Neuanfang zu überzeugen. Nur eines erscheint nicht möglich!«

Der Sprecher der Untergruppe setzte sich. Er war überzeugt, dass das abrupte Ende seines Vortrages das Interesse, die Neugier und auch die Wachsamkeit seiner Zuhörer bis aufs Äußerste sensibilisierte. Er hatte absichtlich keinen Hinweis auf das gegeben, was „nicht möglich erscheint“. Mit dieser von ihm einstudierten Vortragstaktik verzeichnete er bislang in all seinen Besprechungen und Konferenzen überwiegend Erfolge. Er spürte die stark zunehmende Ungeduld seiner Zuhörer, deren Verlangen nach einer Fortsetzung seines Vortrages.

Er sah Chérif El-Raisuli an. Dessen kaum wahrnehmbares Nicken nahm er erleichtert auf und schwelgte in der komfortablen Gewissheit, in voller Harmonie mit den Gedanken und der Auffassung des Gastgebers zu sein. Aber woher wusste Chérif El-Raisuli, was er weiter ausführen wollte? Seine Achtung vor diesem Mann wuchs ins Grenzenlose. Selbstsicher führte er fort:

»Meine Herren, nur eine Kraft, eine Macht würde sich einer Lösung entgegenstellen, und zwar mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln.

Ergo: Stehen dieser Kraft, dieser Macht keine Mittel zur Verfügung, dann könnte sie sich auch nicht mehr manifestieren. Diese Kraft, meine Herren, ist die religiöse Führung in Palästina und in einigen wenigen anderen Staaten. Diese religiösen Führungen, die auch das politische Zepter in die Hand genommen haben, üben unserer Jugend, unserer Zukunft gegenüber eine absolute und radikale Indoktrination aus, die zu Fanatismus und Verblendung, zu Irrationalität und Verderben führt.

Stellen wir uns vor, diese religiösen Kräfte würden politisch völlig entmachtet werden und auf die Aufgaben beschränkt werden, die wir in den Suren finden. Stellen wir uns vor, diese religiösen Mächte erkennen, dass sie in einer allgemeinen friedlichen und dem Gemeinwohl dienenden Gesellschaft ihre rein religiöse Einflussnahme endlich organisiert und strukturiert ausbauen könnten, stellen wir uns vor, dass ein Nebeneinander der Religionen akzeptiert und gelebt wird, somit wir abkehren von der Diffamation derjenigen, die nicht unserem Glauben folgen, stellen wir uns das einmal vor, meine Herren!«

Die Stille im Konferenzraum war unheimlich. Keiner der Teilnehmer rührte sich, keiner räusperte sich. Es war still, nur still. Es war wie eine Bombe, die eingeschlagen war, es war still wie die Angst nach einer Detonation. Es war ein Tabu, das soeben durchbrochen wurde. Es war einfach nur die schmerzliche Wahrheit, die bislang nicht wahrgenommen wurde und nun ausgesprochen im Raum nachklang.

»Entziehen wir der religiösen Macht deren Instrument zur Umsetzung der fanatischen und radikalen Ziele, geben wir diesem Instrument eine fundierte Perspektive, für die Gegenwart und die Zukunft, dann – meine Herren – haben wir den wichtigsten Schritt geschafft. Die politischen Anerkennungen und die Milliardenfinanzierung sind dagegen zu vernachlässigen. Das Instrument, meine sehr geehrten Herren, von dem ich sprach, ist, wie Sie alle verstanden haben, die dann unverblendete jugendliche Generation.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.«

Chérif El-Raisuli wusste, dass es ein Fehler wäre, jetzt eine Diskussion zuzulassen. Seine Gäste ließen sich auch gerne davon überzeugen, dass für einen jeden eine eigene Reflexion über die Inhalte des Vortrages nötig sei. Sein Vorschlag, die Konferenz erst am nächsten Tag wieder beginnen zu lassen, wurde unisono begrüßt. Er begab sich in seinen Privatbereich, duschte und hörte auf dem Bett liegend den Bolero von Ravel. Erst spät in der Nacht wachte er wieder auf. Er machte sich frisch und streifte einen Kaftan über.

Als er vor Karimas Tür stand, zitterte er am ganzen Körper. Er ging leise hinein, ohne anzuklopfen. Sie schlief, nackt auf dem Bett. Er zog sich aus und legte sich voller Erwartung zu Karima.

3. Konferenztag

Das Memorandum formulierten sie gemeinsam. Es war ein schwieriges Unterfangen, die Wünsche nach Nuancierungen waren unendlich. Chérif El-Raisuli hatte aber vorgesorgt, die zwei Schreiber waren in der Sprache so gewandt, dass sie all den verbalisierten Findigkeiten durch ihre eigenen Formulierungsvorschläge entsprechen konnten. Die Denkschrift endete mit der Vereinbarung, in einer weiteren geheimen Konferenz die Wege und Mittel zur politischen Machtenthebung der religiösen Kräfte zu erörtern.

Kapitel 6: SHARIF

Karima konnte die An- und Abflüge der Hubschrauber aus aller Nähe beobachtet. Sie hielt sich draußen an der Burg auf und säuberte wie eine Archäologin einen dunklen Mauerstein mit einem Pinsel. Die Konferenzteilnehmer ignorierten sie. Chérif El-Raisuli verabschiedete jeden einzelnen Gast am Hubschrauber persönlich. Als der letzte Hubschrauber nur noch als schwarzer Punkt am Himmel zu sehen war, eilte er zu Karima. Seine Wächter sahen verstohlen weg.

Er redete kurz auf sie ein. Die Zeit schien ihnen unendlich lang, bis sie auf Karimas Bett lagen. Erst jetzt bemerkte sie, dass kein einziges Haar seinen Körper bedeckte. Er streichelte und küsste gleichzeitig ihren ganzen Körper so zärtlich, dass Karima glaubte, den Verstand zu verlieren. Sie schrie mehrmals laut auf und bettelte, sie endlich richtig zu nehmen. Chérif El-Raisuli tat es.

Am nächsten Tag liebten sie sich morgens, mittags und abends. Sie ließen sich alle denkbaren Köstlichkeiten in Karimas Bereich bringen, speisten und tranken, erzählten sich dabei ihre Lebensgeschichten, sprachen über die Dinge des Lebens und immer wieder über ihre Liebe. So erfuhr Karima, dass seine Eltern früh gestorben waren. Sein Vater sei einer der reichsten Marokkaner gewesen, hätte sich aber nie der Politik gewidmet. Seine Mutter sei für seinen Vater eine herzensgute Ehefrau und für ihn selbst eine sich aufopfernde Mutter gewesen. Sie habe ihren Mann nur ein Jahr überlebt. Auch sie sei von der bis heute unheilbaren Krankheit eingeholt worden. Sein Sohn Sharif wäre sein Lebenselixier gewesen, und er sei es noch heute. Er sei stolz auf seinen Sohn, ein Ebenbild von ihm selbst. Sie bat ihn, mehr über seinen Sohn zu erzählen. Chérif El-Raisuli küsste sie und flüsterte ihr ins Ohr, dass Sharif es ihr selbst erzählen könne, denn er sei auf dem Weg hierher und würde sich hier mindestens zwei Wochen aufhalten.

Karima erzählte von ihrer Jugend in Marrakesch, den vielen Auslandsreisen mit ihren Eltern und von ihrer Studienzeit in Köln. Auf seine Frage, ob sie denn nicht in Deutschland einen Mann kennen gelernt habe, antwortete sie zu seiner Zufriedenheit.

Es klopfte an der Tür. Der Generalsekretär sprach mit seinem Herrn sehr leise, zeigte sich aber sehr nervös. Chérif El-Raisuli hörte sehr aufmerksam zu und gab einige Anweisungen. Er drehte sich zu Karima und sah sie nachdenklich an.

»Was ist los?«, fragte sie beunruhigt.

»Es kommen gleich zwei Hubschrauber an. Ich habe viele Freunde in der amerikanischen Botschaft und einige dieser Freunde kommen mich besuchen.«

»Aber dann gleich mit zwei Hubschraubern?«

»Ja, ja. Es sind mehrere und sie bringen mir auch etwas mit. Karima, ich muss dir etwas sagen. Aber wenn ich dir das sage, dann bist du auf Gedeih und Verderb mit mir für die nächste Zeit unzertrennlich verbunden. Wenn du dich damit einverstanden erklären kannst, dann sage es mir. Sage mir aber auch, wenn du sofort nach Marrakesch zurück möchtest.«

»Kann ich denn mit dir bleiben? Werden wir zusammen sein? Du weißt, ich brauch dich und deine Liebe.«

»Karima, die Situation ist ernst, sehr ernst. Wenn ich dich jetzt informiere, dann gibt es keinen Weg zurück. Wenn du informiert bist, dann wirst du nicht mehr von meiner Seite gehen können. Dann bist du mein Schatten, und Schatten sind bekanntlich unzertrennlich.«

»Khaled, sage mir was los ist. Ich bin Dein und ich möchte Dein sein und Dein bleiben.«

Beide hatten nicht bemerkt, dass die Anspannung und Aufregung sie übermannt hatten. Beide hatten nicht bemerkt, dass sie sich duzten. Chérif El-Raisuli erzählte ihr, dass Fanatiker versuchen wollten, ihn und seine Familie umzubringen. Dies sei als Rache für das gedacht, was er mit der Konferenz zugelassen habe.

Sie begaben sich in das Kellergewölbe. Draußen waren die schweren Motoren der sich nähernden Hubschrauber schon zu hören. Karima war überrascht, denn vor ihr lag ein völlig ausgebauter Keller; von dem breiten Gang in der Mitte gingen unzählige Türen ab, die alle offen standen. Durch die Türöffnungen erkannte Karima, dass es sich um voll eingerichtete Arbeits- und Schlafzimmer handelte, die alle gleich möbliert waren. Nur ein kleines Fenster ließ Tageslicht und frische Luft hinein. Nach jeweils drei Türen kam ein großer Wasch- und Duschraum. Am Ende des langen Ganges versperrte eine dicke Stahltür den weiteren Blick. Rechts neben der Tür war ein elektronisches Türschloss. Die wuchtige Tür öffnete sich nach innen, nachdem Chérif El-Raisuli den Geheimcode eingegeben hatte. Dabei hatte er Karima gebeten, sich den Code zu merken.

Der Raum sah nicht anders aus als die Raumfahrtzentrale der NASA in Houston. An den Wänden standen auch offene Stahlschränke, in denen sauber geordnet Maschinenpistolen aufgehängt waren.

»Khaled, was bedeutet das hier alles? Was ist das hier? Wer bist du?«

»Karima, ich kann dir das jetzt nicht erklären. Dafür ist jetzt keine Zeit. Aber die Zeit der Erklärungen wird kommen! Beobachte, was hier im Keller passiert, und vieles wird dann von selbst verständlich. Nur so viel zu deiner Beruhigung. Dieses hier unten im Keller ist mit dem Geld des Königshauses gebaut und eingerichtet worden. Insofern ist alles legal und legitim, nichts ist dem Königshaus gegenüber verdeckt oder geheim.«

Karima hörte den Lärm der Stiefel der im Laufschritt heraneilenden Männer. Sie waren alle in Uniform, aber ohne jegliche Abzeichen. Nur einer von ihnen war in einem anthrazitfarbenen Anzug. Die Neuankömmlinge wunderten sich über die Präsenz von Karima. Chérif El-Raisuli erklärte, dass Karima wie er selbst behandelt werden möge. Von dieser Sekunde an war sie eine von ihnen.

Chérif El-Raisuli umarmte den in Zivil gekleideten Herrn; sie gaben sich Wangenküsse und schauten sich mit Freude in die Augen.

»Karima, komm! Ich möchte dir meinen Sohn Sharif vorstellen.«

Sharif und Karima begrüßten sich. Der Händedruck und die ausgetauschten Blicke zeigten, dass sie sich gefielen. Karimas Liebe zu Khaled war so groß, dass sie Sharif in ihre Gefühle mit einbezog. Er war ihr sympathisch, und offensichtlich sie ihm auch.

»Sharif, können Sie mir sagen, was hier los ist?«

»Karima, da Sie zu meinem Vater gehören und ihm gehören, darf ich Ihnen auch sagen, was hier los ist.«

Karima hatte sehr wohl die Worte „… und ihm gehören“ vernommen, hatte aber hiergegen nichts einzuwenden. Sie wollte ja Khaled gehören, ganz.

»Die in dem Memorandum niedergeschriebenen Ergebnisse der Konferenz wurden nicht geheim gehalten. Religiöse Machthaber haben sich sehr kurzfristig darauf geeinigt, die zu bestrafen, die deren Macht in Frage stellen. Sie haben sich geeinigt, noch zweiundsiebzig Stunden nach der Konferenz all die zu töten, die für die Konferenz verantwortlich sind, und das ist allein mein Vater. Und ich als sein Sohn wurde gleich als abschreckendes Beispiel mitverurteilt. Der amerikanische Geheimdienst hat durch einen Doppelagenten von dem Plan gehört und Hinweise auf die Personen erhalten, die den Anschlag auf uns durchführen sollen. Zwei der gedungenen Mörder sind Vollstrecker der Al-Qaida und sind in Ouarzazate gesehen worden. Daher haben die Amerikaner uns Hilfe angeboten. Ich selbst war schon auf dem Wege hierher, um meinen Routinebesuch abzustatten, ohne auch nur etwas von dem geahnt zu haben, was sich da draußen anbahnt. Alle Fahrzeuge meiner Familie haben einen GPS-Ortungssender und einen Peilsender der Amerikaner als zusätzliche Sicherheitsmaßnahme. Mein Vater ist zwar hier in Marokko und insbesondere hier in einem Umkreis von dreihundert Kilometern sehr beliebt und geachtet, aber die große Politik draußen macht ja bekanntlich vor keinem Halt, auch nicht vor US-Präsidenten! Die Besatzungen der zwei Hubschrauber hatten mich zwischen Marrakesch und Ouarzazate ausfindig gemacht. Während eine Maschine in der Luft kreiste, landete die zweite Maschine und nahm mich auf. Deshalb bin ich mit unseren Freunden gekommen.«

Die Situation war ernst, sehr ernst, wie Karima über die Schultern der Uniformierten sehend selbst feststellte. In einem Radius von circa zwanzig Kilometern um die Burg herum waren die Landbewohner mit einem Sende- und Empfangsgerät ausgestattet worden. Sie standen alle in Lohn bei Chérif El-Raisuli und ehrten ihren Herren, Garant auch einer zusätzlichen medizinischen Versorgung. Jeder Landbewohner wurde aufgefordert, jedes Vorkommnis, jeden Fremden, jede Anomalie im täglichen Ablauf zu melden.

Die Nacht kündigte sich an, Karima saß mit Chérif El-Raisuli und Sharif beim Abendessen. Sie trug eine Khakihose und ein weißes Hemd, der Situation nur angepasst. Sie vergaß die Gefahr, die irgendwo da draußen lauerte. Sie schaute in die Gesichter zweier Männer, die ihr gefielen. Sie bat Sharif, von sich zu erzählen.

»Mein hier anwesender Vater, Gott möge ihn beschützen, war für mich der Inbegriff der Liebe, Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Ich bin zwar ohne Mutter aufgewachsen, mein Vater hat aber immer versucht, diese Lücke zu schließen. Er war immer für mich da, hat mir immer zugehört und mich immer begleitet, wo immer ich auch hinwollte. Er hat meine Gedanken gelesen und mir die richtigen Wege gezeigt. Gott beschütze ihn!«

Chérif El-Raisuli schaute betroffen nach unten. Er wusste selbst nicht, ob er sich nicht ein wenig schämen musste, denn so viele Loberweisungen in Gegenwart von Karima kratzten an seiner Männlichkeit.

»Ich ging in Marrakesch zur Schule bis zum Abitur«, setzte Sharif seine Erzählung fort. »Mein Vater und ich hatten beschlossen, dass es für unsere Familie und unsere Zukunft hier in Gourrama von Vorteil wäre, wenn ich etwas lernen würde, was ich der Bevölkerung hier weitergeben könnte. Und so entschieden wir uns für ein Medizinstudium. Ich habe in Frankreich studiert und meinen Facharzt für innere Krankheiten gemacht. Auch habe ich dort promoviert. Als fertiger Internist bin ich dann für ein Jahr in die Staaten gegangen. Dort habe ich in der chirurgischen Abteilung eines Allgemeinkrankenhauses gearbeitet. Meine Ärztekolleginnen und -kollegen und ich haben fünf Tage die Woche jeweils über zehn Stunden im OP gestanden. Der Andrang war so groß und die Unaufschiebbarkeit der Operationen so zwingend, dass uns nichts anderes übrig blieb. Nach jeder OP hatten wir nur eine halbe Stunde Pause. Ich habe dort viel gelernt, ja ich habe sehr viel gelernt. Ich habe täglich auch mehrmals mit dem Tod meiner mir anvertrauten Patienten gerungen, ich habe viele Kämpfe verloren. Wer die Zeit in einem amerikanischen Hospital in einer chirurgischen Abteilung überstanden hat, der kann von sich behaupten, dass er was kann. Und so wollte ich nun mein Wissen hier in Marokko verwerten und habe als Internist eine Praxis in Marrakesch aufgemacht. Regelmäßig komme ich aber auch hierher – wohl alle drei Wochen und fahre tagelang in die Berge, um den Menschen zu helfen. Die von mir hier behandelten Menschen zahlen keinen Cent. Sie sollen wissen, dass mein Vater einer von ihnen ist und sein Sohn nicht anders. Wir handeln so, und es kommt von Herzen. Wir wissen aber auch, dass uns die Menschen hier zum Dank verpflichtet sind. Und auf diese Dankbarkeit sind wir, mein Vater und ich, angewiesen.«

»Wieso sind Sie und Ihr Vater darauf angewiesen?«, fragte Karima begierig.

»Unsere derzeitige Situation zeigt das doch. Wir können uns dann da draußen frei bewegen, wenn wir die Bevölkerung auf unserer Seite wissen. Mein Vater und ich, wir sind reich, und wir leben auch so, wie man sieht. Die Bevölkerung da draußen hat Arbeit und ein Auskommen, aber sie ist nicht so reich. Und Begehrlichkeit ist ein Drang, der nicht zu kontrollieren ist. Deshalb bemühen wir uns, eine gesunde und überschaubare Abhängigkeit aufrechtzuerhalten.«

Karima hörte Sharif sehr aufmerksam zu. Sie musste kritisch seine Aussagen bewerten, denn sie ertappte sich dabei, wie sich Sharifs Schönheit in den Mittelpunkt ihres Interesses schob. Es waren nicht nur sein hübsches Gesicht und seine gepflegten Hände und auch nicht nur dieser muskulöse Körper, was sie beeindruckte. Sharif strahlte etwas ihr noch Unbekanntes aus.

Sie zog sich zurück und die beiden Männer schmiedeten noch lange den Plan für den Ablauf des nächsten Tages. Sie wollten zusammen mit vielen Wächtern Präsenz zeigen. Nichts wäre schädlicher gewesen, als der Bevölkerung einen Hauch von Angst vermuten zu lassen. Da die Uniformierten im Keller keine Neuigkeiten zu berichten hatten, sollte der Ausflug gewagt werden.

Chérif El-Raisuli holte Karima von ihrem Bereich ab. Er wollte, dass sie seinen Bereich mit ihm nachts teile. Sie hatte nur wieder den durchsichtigen weißen Kaftan an und sowohl sie als auch Chérif El-Raisuli wussten, dass es eine sehr heiße Nacht werden würde. Beide wollten es. Sie liebten sich wild.

Der Lagebericht am frühen Morgen war beruhigend. Mit drei Geländewagen fuhren sie hinaus, zwei weitere Fahrzeuge blieben in der Burg abfahrbereit, als unterstützende Hilfe für den Notfall.

Chérif El-Raisuli und Sharif fuhren von Ansiedlung zu Ansiedlung. Sie erklärten die Aufregung, ohne jedoch die Hintergründe zu erläutern. Man sagte ihnen uneingeschränkte Unterstützung zu. Sharif befragte die Anwesenden und vermerkte den Umfang der benötigten medizinischen Hilfe, die er ihnen in den nächsten Tagen zukommen lassen wollte. Die Medikamente bestellte er gleich per Handy bei einem befreundeten Apotheker. Sie wurden stets einen Tag später angeliefert.

Es blieb in den nächsten zwei Tagen alles ruhig, keine Meldung ging ein, über die einer der Uniformierten hätte aufhorchen und Meldung machen müssen. Die Tage vergingen für Karima im Nu, auch wenn sie nicht aus der Burg durfte. Sie erlebte mit Chérif El-Raisuli eine grenzen- und tabulose Liebe und sehnte sich immer öfter nach seinem Körper.

Sie schätzte Sharif sehr, aber irgendwie schien seine Anwesenheit sie zu stören. Sie konnte sich sehr gut mit ihm unterhalten, seine Erzählungen entzückten sie. Immer wenn Chérif El-Raisuli für Stunden im Keller oder mit einigen der Uniformierten im Gespräch war, trafen sie sich in einem der Salons. Chérif El-Raisuli wollte es so und hatte sich mit seinem Willen durchgesetzt: Karima sollte tagsüber in der Burg nicht alleine sein. Nur in ihrem eigenen Bereich sollte sie sich bei Bedarf zurückziehen und auf ihn warten.

Sharif hatte für sich und Karima einen Pfefferminztee zubereiten lassen. Er goss ihr ein Glas ein und reichte ihr eine Schale mit feinem Gebäck. Sie tranken den Tee.

»Karima, Sie sind eine schöne Frau, eine sehr schöne Frau. Mein Vater liebt Sie, wie er mir sagte, und Sie scheinen ihn zu lieben. Mein Vater sagte mir auch, dass er mit Ihnen hier leben wolle und er mit Ihnen sein Glück gefunden habe und dass er Sie nicht verlieren wolle. Sie sind aber eine Christin, mein Vater ein Muslim.

Sehen Sie da ein Problem?«

»Sharif, Liebe kennt keine Religion. Ihr Vater und ich werden eine Lösung finden. Wir müssen auch nicht religiös heiraten. Es wird sich eine Lösung finden.«

»Trinken Sie noch ein bisschen Tee, Karima. Das tut Ihnen sicherlich gut, nach den ganzen Aufregungen. Wissen Sie, wenn mein Vater nicht wäre und ich an seiner statt, dann würde ich Sie auch nicht mehr loslassen. Sie gefallen mir sehr.«

Karima trank noch zwei Gläser Tee und wunderte sich immer mehr über die Auswirkungen des Zusammenseins mit Sharif. Sie fühlte sich überhaupt nicht beschwert und nahm alles mit immer mehr Gelassenheit zur Kenntnis. Auch fand sie Gefallen an seiner Seite. Eine Euphorie schien sie befallen zu haben. Sie lachte viel.

»Sie sind sicherlich doch müde, Karima. Ich begleite Sie zu Ihrem Bereich.«

Auf dem Wege dorthin schaukelte Karima ein wenig, so dass Sharif sich bei ihr einhakte und sie leicht stützte. Karima öffnete die Tür zu ihrem Bereich und Sharif folgte ihr. Er schloss die Tür hinter sich zu und führte Karima zum Bett. Sie war zwischenzeitlich willenlos geworden und ließ alles mit sich machen. Er zog sie ganz aus und legte sie aufs Bett. Nachdem auch er sich ausgezogen hatte, nahm er sie mehrmals in dieser Stunde seiner unkontrollierten Wollust.

 

Indrikis Harol MartinsonDer Autor Indrikis Harold Martinson wurde am 20. August 1948 in Lübeck geboren.

Besuch der Grundschule bis 1958. Im selben Jahr Auswanderung nach Tanger. Besuch der französischen Schule bis zum Abitur 1969.

Jura-Studium und das 1. Staatsexamen in Hamburg.

1975 Rechtsberater in Tanger bei einem Bauunternehmen.

Rückkehr nach Deutschland und Beginn des Referendariats und 2. juristisches Staatsexamen in Hamburg.

Verschiedene Tätigkeiten im Bundesministerium der Verteidigung und im Bundesministerium des Innern mit den Schwerpunkten Korruptionsprävention und -bekämpfung, Gesetzgebung, Bürokratieabbau, Gender Mainstreaming, Vorsitz/Mitglied in Prüfungskommissionen.

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